Arnold Schönberg Center - Brief Datenbank

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Date from letter: 1921.02.23 Filing Element: 1921.02.23
ID: 603
URN: https://repo.schoenberg.at/urn:nbn:at:at-asc-B006034
To
Name: Hertzka, Emil
Title: Herr Direktor
Company: Universal-Edition A.G.
First Line: ich erfuhr schon durch meine Tochter (!!) daß Sie
Language: G, German
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handwritten letterhttps://repo.schoenberg.at/urn:nbn:at:at-asc-BM000531
Version: Final version
Text:

23. Februar 1921

Lieber Herr Direktor,
ich erfuhr schon durch meine Tochter (!!) daß Sie wegen der Harmonielehre anders über mich denken, als uns beiden zuträglich und angemessen ist und war noch mehr darüber verwundert, als daß ich es überhaupt erfahre, darüber, daß es meine Tochter erfahren mußte--daß sie daran glauben mußte. Ich hätte das nicht für möglich gehalten, da ja alle Mitteilungen durch die Post mich direkt erreichen.
Zur Sache selbst habe ich nun soviel zu bemerken, daß dadurch allein schon erklärt ist, warum ich nicht Zeit fand, Ihnen zu antworten.
I. Trifft die Schuld, daß wir ohne Harmonielehre dastehen nicht mich, sondern Sie, indem Sie (ohne mich zu befragen und nachdem mir mehreremale der Betrag für den Satz aufgerechnet wurde) den Satz ablegen ließen, wodurch ich 4 (vier) fachen Schaden erlitt:
1. Indem dadurch meine Anteile und mein Gewinn sich verringerte,
2. Indem mir zuzeiten wo ich das Geld gebraucht hätte keine Verkäufe gutgeschrieben werden konnten;
3. Indem die werbende Kraft dieses Werkes für mein übriges Schaffen außer Tätigkeit gesetzt wird und
4. uns lehrenden, indem ich jetzt gezwungen wurde, die Umbearbeitung viel früher zu machen, als es mir passt, was mir sowohl künstlerisch (wegen des Ausreifenlassens) als auch materiell (wegen meiner Zeiteinteilung) höchst unangenehm ist.
II. Also habe ich Sie schon zur Zeit der I. Gestaltung[?] Auflage gefragt, ob Sie eine Neubearbeitung wünschen, was Sie damals ablehnten und behaupteten es hätte noch einige Jahre Zeit, [ilg.] Sie sich [ilg.] um mich nach kaum einem halben Jahr um eine Neubearbeitung ersuchen
III. Haben Sie, als ich die Hälfte der Neubearbeitung fertig hatte und im besten Zuge war, mich aufgefordert, lieber zu komponieren, die Harmonie-L. hätte noch Zeit. Sie hatten damals die Kosten berechnet und schwankten, ob Sie den Neudruck schon jetzt machen wollten und erst, als ich Ihnen nachwies, daß der Verkaufspreis für das Buch ruhig höher sein könne und Einwendungen gegen das Fehlen des Werkes machte, wurden Sie--anscheinend, denn Sie teilten mir damals Ihre Sinnesänderung nicht mit--anderer Meinung, denn knapp vor Ihrer Abreise wurde ich aufgefordert das Manuskript zu schicken, ohne vorher etwas darüber gehört zu haben. Inzwischen hatte ich jedoch zugunsten des Komponierens mit der Bearbeitung aufgehört, dann kam die Zeit der Abreise mit Vorbereitungen, Vorsorgen und Unruhe und so blieb die Arbeit stecken. Daß ich hier nicht dazu komme zu arbeiten, muß Sie nun nicht wundern. Denn wenn Sie auch annehmen, wie Sie meiner Tochter ebenso witzig als spöttisch sagten, daß ich, woran[?] Sie keine Interesse hätten (das meinige kommt wohl auch einigermaßen in Betracht) in Holland österreichische Schüler unterrichte, so müßten Sie sich selbst doch darüber wundern, daß mir die Holländer bloß für diese Tätigkeit 10.000 Gulden beza[h]len.
Was nun jedoch den Verkauf meiner Harm.L. nach Amerika anbelangt, so befinde ich mich zu Ihrer Auffassung[?] in einem bedeutenden Gegensatz, daß ich, wenn Ihre Ungeduld meinen gut[?] Vorschlag nicht gestört hätte, im Interesse unserer freundschaflichen Beziehungen über diesen Gegenstand lieber mündlich verhandelt hätte, da ich überzeugt bin, daß Sie meine Gründe, als eine bessere Wahrung unserer Interessen gefunden hätten, wenn ich mit Ihnen gesprochen hätte. Und ich meine fast: es ist jetzt noch besser, wir sprechen nach meiner Rückkehr uns lieber in Ruhe und Wohlwollen darüber aus, als uns in Briefen einander unangenehme Dinge zu sagen (d.h.: ich tue es, wie Sie sehen nicht; ich bin liebenswürdig wie immer; aber Sie sind spitzig) wobei nur [ilg.]rger herauskommt, während wir uns doch mündlich schließlich immer geeinigt haben und gute Freunde geblieben sind. Sie sehen, ich werde ruhiger. Vor 10 Jahren hätte ich Ihnen einen wütenden Brief geschrieben. Wann aber wird Ihr Temperament einmal sanfter, abgeklärter werden?
Um Ihnen kurz jedoch meine Einwendungen zur Kenntnis zu bringen, diene folgendes:
I. Finde ich den Betrag von 500 Dollar sehr gering. Es sind das 2000 Friedens-Mark und das entspricht kaum dem Gewinn bei 500 Exemplaren, welche ja beinahe 4 Mark pro Exemplar ausmachte. (Sie haben mir übrigens gar nichts Näheres über Ihre Abmachung mitgeteilt, weder die Höhe der Auflage, noch die Bestimmungen für die Zukunft, noch wer übersetzt etc.)
II. Ist bei der Uebersetzung dieses Werkes nicht einmal das Geld die erste Frage, sondern: die Uebersetzung: Ein Werk vom künstlerischen Rang dieses, könnte nicht einem x-beliebigen übergeben werden und nur nachdem mir von einigen wichtigen Stellen Proben vorgelegt worden sind, könnte ich jemanden dazu autorisieren. Und an dieser künstlerischen Frage sind auch Sie beteiligt. Der Harm.-L. verdanke ich gering 9 Zehntel meiner Anhänger. Aber Sie glauben doch nicht, daß es das rein schulmäßige ist, was den Leuten daran gefällt! Das könnten sie viel bequemer bei Th[ilg.] und St[ilg.] bekommen. Sondern es ist die künstlerische und moralische Wirkung, die hier wirkt und die nicht bloß Musiker, sondern auch Literaten und Gelehrte anzieht. Und die kann nur durch eine ebenbürtige Uebersetzung wiedergegeben werden--sonst bleibts eine "Harmonielehre" und die wird keinen Absatz finden.
III. Ist nebenbei die englische Uebersetzung, wenn Sie sie verkaufen eigentlich ein Schade für das deutsche Original: denn die Engländer und andere Ausländer, die bisher das Deutsche gelesen haben, werden nunmehr die englische benützen können. Und es giebt viele Ausländer, die schlecht deutsch können, aber besser englisch, als deutsch und die gehen Ihnen nun verloren.
IV. Etwas anderes jedoch wäre es, wenn Sie die englische Ausgabe selbst herstellten. Den Uebersetzer könnte man leicht bekommen und zufriedenstellen. Und Sie hätten nicht nur keinen Entfall durch die Uebersetzung, sondern selbst den vollen Valuta-Gewinn. Sie sollten das riskieren. Ich selbst kann hiebei bestimmt mithelfen. Insbesondere auch durch meine ausländischen Beziehungen.
V. Was nun die Frage eines Valuta-Schadens anbelangt, so bin ich von Ihrer Klugheit in solchen Dingen viel zu sehr überzeugt, als daß ich das für etwas anderes, als für einen Schreckschuß halte: Sie der Sie mir vor Ihrer Abreise die ausgezeichnete Idee mitgeteilt haben, daß Sie alle Ihre Valuta-Einnahmen in Dollar stehen lassen wollen[?], Sie werden nicht gerade mit diesen 500 Dollars zum nächsten Gr[ilg.] gelaufen sein und sie eingewechselt haben. Aber wenn, so würde ich es sehr bedauern, daß Sie dadurch einen Schaden haben und mich freuen, daß Sie an mich keine Ansprüche stellen können, da Sie über diesen Punkt keine wie immer geartete Zusage von mir besitzen.
Was nun die Erhöhung der Herstellungskosten anbelangt, so haben sich viel weitblickendere Menschen, als ich scheinbar auf diesen Umstand nicht gefaßt gemacht, sonst besäßen wir von der Harm.L. sicher jetzt 2-3000 Exemplare zum Preis von 1917 oder 18. Aber ich halte das, so aufrichtig ich es bedaure, dennoch für kein größeres Unglück, als alle vorhergehenden Preissteigerungen; denn: entsprechend den Herstellungskosten wird Verkaufspreis angesetzt. Gewiß wäre höherer Gewinn zu erzielen, aber dem Absatz wird der Preis nicht schaden, schon wegen des Verhältnisses zwischen Krone und Mark nicht.
Bitte: akzeptieren Sie nun meinen Vorschlag, über die ganze Angelegenheit nach meiner Rückkehr uns mündlich zu unterhalten. Viel lieber als einen polemischen, hätte ich Ihnen einen Freundschaftsbrief geschrieben. Daß ich Ihnen aber nicht früher schrieb als heute werden Sie begreifen können, wenn Sie daran denken, daß auch Sie mir aus Amerika nur eine einzige Postkarte geschrieben haben. Ja wenn ich in die Schreibmaschine diktieren könnte, wie Sie, würde ich auch rascher meine Korrespondenz erledigen.
Nun befinde ich mich in den letzten Wochen meines hiesigen Aufenthaltes, probiere bereits Gurrelieder und denke an die Rückreise. Es war nicht durchaus alles so, wie es hätte sein sollen. Durch Mengelbergs Krankheit und eine gewisse Schwerfälligkeit und Arbeitsscheu der Holländer war manches arg verschlampt worden. Nach und nach wurde es besser und nun scheint--wenn mich nicht alles täuscht--sich mit der Gurrelieder Aufführung ein schöner Abschluß des Ganzen vorzubereiten.
Ich komme gleich nach der Aufführung nach Wien: ca 22-23 März. Aber nur für wenige Wochen. Dann will ich arbeiten und vorher--ehe ich an die Neubearbeitung der Harmonielehre gehe, noch die Wiederherstellung unserer Harmonie bearbeiten.
Seien Sie bis dahin aufs herzlichste begrüßt und lassen Sie sichs gut gehen.
Ihr Arnold Schönberg


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