Arnold Schönberg Center - Brief Datenbank

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Date from letter: 1913.02.06 Filing Element: 1913.02.06
ID: 319
URN: https://repo.schoenberg.at/urn:nbn:at:at-asc-B003190
To
Name: Hertzka, Emil
Title: Herr Direktor
First Line: Bergs angekündigter Brief ist noch nicht da. Sollt
Description: Letter was not sent. It was enclosed with letter to Berg of the same date (ASCC 318)
Language: G, German
Transcribed
VersionFormatfolSourceLocation in source
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Final versionhandwritten letter (5p.)5p.ÖNB
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Final versionprinted (1p.)1p.GA Reihe B/Band 16,3p. 153 (partial)

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Link to sourceCommentURN / Zitierlink
carbon copyhttps://repo.schoenberg.at/urn:nbn:at:at-asc-BM013359
handwritten letterhttps://digital.onb.ac.at/rep/access/open/131D6A7D
Version: Final version translation, English
Text:

Berg's letter has not yet come. Should it cause me to change my opinion, I shall gladly withdraw all I must now say.


Version: Final version
Text: 6/2.1913

Lieber Herr Direktor,
Bergs angekündigter Brief ist noch nicht da. Sollte der mir eine andere Meinung beibringen, so will ich gerne alles zurücknehmen, was ich hier sagen muß.
Zunächst: auf Ihr und des Philharm.Chor Telegramms habe ich Ihnen eben telegrafisch folgendes geantwortet:
"Wenn Schreker keine Zeit findet, komme ich gerne, um zu dirigieren; nicht aber um zu corrigieren. Schlechtes Material nicht meine Schuld. Bitte sagen Sie ruhig ab."
Dieses Telegramm zu erläutern, Ihnen zu zeigen, wie so Sie unrecht hatten und Ihnen zu beweisen, daß es leicht geht, ohne daß ich hinkomme, ist der Zweck meines Briefes.
I. Vor Allem finde ich das "Schreker wünscht(!!) dringend Ihre unverzügliche Herreise" etwas sehr stark. Auf etwas mehr Höflichkeit machte ich selbst dann Anspruch, wenn ich ein Verbrechen begangen hätte.
II. Man mutet mir eine Reiseausgabe von vielleicht 150-200 Mark zu, spendiert aber selbst nicht 10 Kronen um mir ausführlich die Gründe anzugeben, warum ich mir solche Kosten machen soll.
Denn das[s] die im Telegramm angegebenen keine sind, werde ich Ihnen noch zeigen.
III. Man mutet mir eine solche Ausgabe zu und fragt nicht ob ich in der Lage bin sie mir zu gestatten!!
IV. Wenn man so etwas von mir wollte, hätte man mir vor Allem zu erklären, daß man alle Kosten trägt.
V. Aber nun die Hauptsache: man mutet mir, dem Autor, zu, daß ich dem Dirigenten Handlangerdienste verrichte, weil der keine Zeit hat, sich mit der Sache so zu befassen, wie es seine Pflicht als Künstler ist: mir gegenüber und sich gegenüber!!
Denn: wenn Schreker die Partitur, wie es seine Pflicht ist, ordentlich studiert hätte, wäre es ganz unmöglich, dass er jetzt erst plötzlich entdeckt, sie sei so fehlerhaft. (Nebenbei: wenn sie fehlerhaft ist, ist das nicht meine Schuld! Denn man läßt ein Material eben rechtzeitig korrigieren!!) Das hätte er längst bemerken müssen!
Daß er aber die Partitur nicht kennt, hat ich längst aus der naiven Mitteilung Bergs entnommen: "es sei so schwer die Fehler im Blech und in den Holzbläsern zu finden(!!)" Selbstverständlich nur, wenn man die Partitur nicht kennt!
Ich sehe ein, daß Schreker keine Zeit hat, die Sache zu studieren. Ich kann das sogar begreifen und entschuldigen. Nicht begreifen und nicht entschuldigen aber kann ich es, daß er trotzdem darauf besteht, das Werk selbst zu dirigieren. Es wäre nicht nur menschlich nobler von ihm, wenn er mich dazu einlüde, es wäre auch künstlerisch anständiger!!
VI. Nun aber gar: Wozu soll ich nach Wien kommen? Das ist mir vollständig rätselhaft. Sie scheinen alle den Kopf verloren zu haben und da soll ich nun herhalten. Gerne; aber doch nur soweit es nötig ist. Und vor Allem zu einer Arbeit zu der man den Autor braucht (zum Dirigieren) aber doch nicht zur Kopistenarbeit. Wegen eines solchen macht man doch nicht eine derartige Reise!!
Sie telegrafieren "Entwirrung" der Partitur. Ja was heißt das. Die Partitur ist doch nicht verwirrt, durcheinander? Es sind Fehler drin; aber die müssen 2 Musiker doch noch selbst zu korrigieren imstande sein. Oder wenn nicht: es giebt doch eine Post? Man kann mich doch fragen? Man entnimmt die betreffenden Seiten der gedruckten Partitur, macht ein rotes Kreuz (?X) dazu und sendet mirs expreß. Ich antworte expreß! Oder man fordert mich auf die Partitur nachzulesen und alle Fehler die ich finde, täglich nach Wien zu senden. Oder man schickt mir noch 3 Partituren, damit ich sie hier in Berlin von Freunden lesen lassen kann!! Und: man läßt in Wien ein paar gute Musiker mitlesen. Man bezahlt ihnen ein Honorar dafür. Dann werden sich manche finden! Alles das gienge also ebenso schnell und sicherer und billiger. Und es müßte nicht der Unschuldige die Kosten und Mühen allein tragen. Denn meine Partitur enthält nicht mehr Fehler, als jede andere. Und höchstens der Umfang des Werkes (in jeder Dimension) mach daß es viel erscheint. Und vor Allem: das unkorrigierte Material!!
Man überschätzt sehr den Grad der Bedeutung die diese Aufführung für mich hat. Möglicherweise ist sie sehr vorteilhaft für mich. Aber deswegen lasse ich mich dennoch von niemand schuhriegeln. Und vor allem lasse ich mir nicht drohen: "Aufführung sonst abgesagt." Ich hänge dazu doch nicht genug am Erfolg. Insbesondere aber: mir liegt nicht so viel an einer Aufführung, sondern nur an einer guten. Und eine gute Aufführung kann das ohnedies nicht werden. Bloß 10 Proben mit dem schlechten Tonkünstler-Orchester!! Ich werde mit dem ausgezeichneten Berliner Philharmonischen 9-11 Proben machen!!
Zum Schluß also: ich bin gerne bereit, Ihnen jeden Rat zu geben, der mir einfällt. Ich bin gerne bereit gegen eine Spesenvergütung die Aufführung selbst zu dirigieren. Ich komme gerne ca. am 28. Februar nach Wien um bei den letzten Proben alles in meinem Sinne zu gestalten. Aber wenn man meint, mich durch eine Drohung ängstlich zu machen, dann unterschätzt man mich. Darauf habe ich nur die Antwort: Bitte, sagen Sie ruhig ab.
Es wäre ja sehr bedauerlich für Sie, wenn Sie absagen müßten. - Ich werde mir schon allein weiterhelfen.
Sie werden diesen Brief etwas gereizt finden. Aber das kann ich mir nicht helfen. Ich habe es satt mir aus Wien fortwährend auf die Schultern klopfen zu lassen. Ich weiß wirklich nicht wozu ich Wien sonst den Rücken gedreht hätte. Ueberall wo ich sonst hinkomme um meine Werke aufzuführen, wird das so angesehen und behandelt wie es ist: man dankt mir dafür, daß man mein Werk aufführen konnte. In Wien dreht mir jeder aus seinen geschäftlichen Angelegenheiten einen Strick, mit dem man behauptet mich zu födern. Aber ich gebe meinen Hals nicht mehr für diesen Strick, meine Schultern nicht mehr für diesen Strick her, sondern bleibe in der Stellung, die ich Wien gegenüber eingenommen habe, als ich es verließ.
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Was die gemeldete Absage Klitschs anbelangt, so kommt Frau Zehme erst im Notfall in Betracht. Ich wünsche einen Mann für die Uraufführung!
Nichts für ungut. Herzliche Grüße Ihr Arnold Schönberg

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