Arnold Schönberg Center - Brief Datenbank

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Date from letter: 1936.03.02 Filing Element: 1936.03.02
ID: 2808
URN: https://repo.schoenberg.at/urn:nbn:at:at-asc-B028080
To
Name: Kalmus, Alfred
Title: Dr.
Company: Universal-Edition A.G.
First Line: vor allem möchte ich Ihnen, sowie Fräulein Rothe,
Language: G, German
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VersionFormatfolSourceLocation in source
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Final versionprinted (1p.)1p.GA Reihe B/Band 16,3p. 92 (partial)

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typed letterhttps://repo.schoenberg.at/urn:nbn:at:at-asc-BM035374
Version: Final version
Text:

2. März 1936

U-E

Lieber Dr. Kallmus[!],
vor Allem möchte ich Ihnen, sowie Fräulein Rothe, Dir. Winter, Erwin Stein und den anderen Mitgliedern Ihrer Direktion (auch Herrn Heinsheimer) herzlichts danken für die Beileidsbezeigungen, die Sie mir anmässlich des Todes meines lieben Freundes gesendet haben.
Dann bestättige ich den empfang Ihrer Briefe betreffs der Vollendung der Partitur, auch den Steins, sowie Ihres Telegramms, das mir das so nahe Datum der Uraufführung mitteilt.
Dieses letztere hat mich sehr und unangenehm überrascht. Bis heute habe ich (offenbar dank Ihres hiesigen Vertreters) noch kein Blatt des Vorlagematerials. Wenn die Partitur bis 1. August in Ihren Händen sein soll, dann muss ich sie bis spätestens Ende Juni fertig haben, denn dann beginnen meine Sommerklassen ander Universität und da habe ich keine Zeit mehr zu arbeiten. Ob ich diesen Termin einhalten kann, kann ich haute noch nicht sagen. Vor Allem weiss ich noch nicht, wie lange es dauern wird, bis ich mich in das Werk auch nur so weit eingelesen habe, dass ich weiss was los ist, ganz zu schweigen, dass ich mindestens den Teil, den ich zu instrumentieren habe, ganz genau fühlen und verstehen muss. Dazu kommt, dass ich voraussichtlich innerhalb dieser Zeit eine spezielle Sache zu erledigen haben werde, die ich nicht aufzuschieben in der Lage bin und die mich für viele Wochen in Anspruch nehmen dürfte. Es ist viel Zeit verloren gegangen zwischen Steins Brief vom 17. Januar, in welchem er mir die Sendungen ankündigt. Eigentlich erwartete ich diese höchstens eine Woche später, also anfangs Februar. Aber ich weiss noch immer nicht, wann das Material da sein wird.
Ich will selbstverständlich alles mögliche tun, um den Uraufführungstermin zu ermöglichen. Erstens denke ich, wird es sehr nützlich sein, wenn ich Ihnen etwa immer fertige Partien, etwa 10 bis 20 Partiturseiten gleich nach Fertigstellung sende, so dass bei meiner letzten Sendung eben nur ein kleiner Rest nachzuarbeiten ist. Zwitens aber werde ich vielleicht, wenn die Zeit drängt und ich sehe, dass ich nicht fertig werden kann, einen Ausweg betreten, den ich gleich jetzt ausführlich beschreiben will, weil ich dann vielleicht keine Zeit habe. Ich werde in das Particell haargenau die Instrumentation eintragen, so dass mein Sohn, der in solchen Arbeiten geübt ist, danach die Partiture, mit den richtigen Transpositionen schreiben kann. Wenn dann Herr Stein meine Notizen mit der Partitur vergleic[h]t und im Zweifelsfall mit Webern zusammen selbst entscheidet (ich kann es ja immer noch später selb[s]t überprüfen) so wird wohl zweifellos das Richtige herauskommen.
Aufrichtig gestanden, ich fürchte ich werde es kaum anders tun können. Denn ich sehe, dass Bergs "Symphon. Lulu-Stücke" 140 Seiten lang sind. Solc[h]er Seiten aber könnte ich von meinem eigenen Werk höchstens vier in einem 8-stündigen Arbeitstag zusammenbringen, bezweifle also, dass ich hier drei schreiben kann. Das wären aber cirka acht Wochen, wenn ich nur einen Tag in her Woche raste oder verhindert bin. Aber es kommt ja immer etwas dazwischen und wie gesagt, iche werde etwas Unaufschiebbares zu tun haben. Aber hoffentlich geht es auf die vorhinbeschriebene Weise. Ich würde dann in immer 4-8 Blätter senden un da Sie ja meinem Sohn immer erst bezahlen, was er abliefert, so wird er sich gewiss bemühen, es so rasch wie möglich zu machen.
Zur Sache selbst möchte ich noch bemerken: ich bitte Sie auf Anfragen zu erklären, dass ich mich entschlossen habe, nicht etwa Bergs Orchesterstil zu imitieren, sondern so zu verfahren, wie ich verfuhr, als ich ein eigenes Werk, meine Gurrelieder, deren Stil mir nicht mehr der meine schien, zehn Jahre nach der Konzeption instrumentierte. Das heisst, ich tat es auf die Weise, auf welche ich damals für Orchester schrieb und das will ich auch hier tun. Selbstverständlich werde ich trachten heraus zu finden, welche Wirkung Berg vorgeschwebt hat und selbstverständlich werde ich mic[h] bemühen, nicht hinter seinen klanglichen Visionen zurückzubleiben. Aber die Mittel hiezu kann ich mit gutem Gewissen und mit vollem Einsatz meiner Phan[t]asie nur so benützen, wie ich es in meinen eigenen Werken tue. Und so wie ich das im vollen Glauben an die Richtigkeit meines Verfahrens tue, so bin ich überzeugt, dass etwas Brauchbares nur herauskommen kann, wenn ich ebenso vorgehe. Vielleicht wird der amerikanische Korrespondent der New York Times (oder ist es Herr Reich, der das so darstellt?) enttäuscht sein, dass ich mich anders verhalte als er erwartet, aber man kann ihm wohl kaum helfen.
Ich habe Sie in der letzten Zeit wiederholt für Geldsendungen an meinen Sohn in anspruch genommen und danke Ihnen bestens für diese Gefälligkeiten. Sie haben wohl immer die Geldsendung erhalten, ausgenommen im Januar, wo ich auf meine Abrechnung gezogen habe. Ich hoffe, das ist alles in Ordnung. Wahrscheinlich werde ich Ihnen morgen wieder telegrafieren müssen. Aber ich wünschte, Sie machten mir einen vorschlag, der mir das Geld für Telegramme erspart. Kann ich nicht zum Beispiel bei ihrem Vertreter Geld einzahlen, wenn Sie es monatlich vorstrecken?
Ich habe nun das Wichtigste gesagt und muss fort. Also, viele herzlichste Grüsse an sie und alle meine Freunde bei Ihnen, Ihr


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