Arnold Schönberg Center - Brief Datenbank

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Date from letter: 1914.04.24 Filing Element: 1914.04.24
ID: 17533
URN: https://repo.schoenberg.at/urn:nbn:at:at-asc-B175335
First Line: Ihr liebes Schreiben vom 16.d.M. ist bis auf die H
Language: G, German
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Version: Final version
Text:

Wien 24. April 1914
Wohlgeboren
Herrn Arnold Schönberg
Berlin

Lieber Herr Schönberg !
Ihr liebes Schreiben vom 16.d.M. ist bis auf die Harmonielehre-Angelegenheit durch meinen vorhergehenden Brief grösstenteils erledigt. Einzelnes, das nicht beantwortet wurde, kann ich heute dahin erledigen, dass die Londoner Aufführung der „Gurrelieder“ mit Wood leider nicht zustande kommt. Auf meine Anfrage in London, haben mir Breitkopf & Härtel’s die mitfolgend kopierte lakonische Antwort Wood’s übermittelt. Die Gründe dieser höchst bedauerlichen Tatsache sind mir unbekannt. Vielleicht können Sie diesbezüglich etwas Näheres erfahren? Mit Amsterdam stehe ich in Unterhandlungen; hoffentlich führen diese zu einem Resultat.
Was nun Ihr Schreiben vom 21.d.M., so bestätige ich vor allem den Empfang der „Gurrelieder“-Partitur. Die Monodram-Partitur ist eben eingetroffen.
Ihr dringender Wunsch, dass die Gurrelieder-Partitur unbedingt gestochen werde, ist mir ja verständlich, aber die drei Gründe, die Sie anführen, sind nicht "stich"hältig, denn
1.) wird die Möglichkeit der Verbreitung der Gurrelieder dadurch, dass die Partitur gestochen wird und nicht autographiert, absolut nicht eingeschränkt. Gerade das Gegenteil könnte zutreffen u.z. dass ich, falls ich die Partitur stechen lasse, die Partitur und die Materiale im allgemeinen viel teurer halten müsste, als bei der autographischen Herstellung,
2.) wäre Ihr Erträgnis kein geringereres, denn jede Aufführung, die überhaupt erzielbar wäre, würde ebenso durch die gestochene als auch durch die autographierte Partitur erzielt werden können,
3.) würde es Ihrem Ansehen gewiss nicht schaden, wenn keine gestochene grosse und eine zweite kleine Partitur erscheinen würde, denn abgesehen davon, dass Ihr Ansehen von derartigen Kleinigkeiten nicht abhängt, hat es noch nie dem Ansehen eines Werkes geschadet, wenn es in der ersten Auflage nur als Autographie erschienen ist. Dies trifft auf Bühnenwerke ebenso zu, wie auf grosse Chorwerke, wie Gurrelieder etc. Auch Schreker’s „Ferner Klang“ ist, wie Sie sich ja selbst überzeugen konnten, nicht gestochen, sondern nur autographiert und macht seinen Weg, ohne dass irgendein Ansehen darunter leiden würde. Auch Wagner Opern etc sind ursprünglich nur autograf[isch] erschienen Nachdem eine Studien-Partitur zu einem erschwinglichen Preis seit der Uraufführung vorhanden ist und auch vielfach verkauft wurde, kann deswegen, dass weil nicht auch noch eine gestochene Studien-Partitur vorliegt, von einer Schädigung Ihrerseits gewiss nicht gesprochen werden.
Das die Londoner Aufführung nun ins Wasser fiel, die Amsterdamer-Auführung noch nicht fix ist, ebensowenig die Prager und Berliner, oder die Leipziger Wiederholung, so bleibt eigentlich für das nächste Jahr als einzige sichere Aufführung die Münchner. Nachdem aber zwei komplette Aufführungs-Materiale vorliegen, die nur sorgfältig in Ordnung gebracht werden müssen, so muss ich mit einer Entscheidung in der Material-Herstellungs-Angelegenheit noch zuwarten, weil all die Gründe, die ich Ihnen in meinem letzten Schreiben darlegte, bestehen und Sie können von mir nicht verlangen, dass ich mich bei meinen Entschliessungen nur ausschliesslich und allein von dem einzigen Gedanken leiten lasse, ob dieselben Ihre Interessen fördern, ohne Rücksicht auf die Interessen unseres Verlages resp. unserer Gesellschaft. Dass Sie und Ihr Schaffen von mir in jedem Fall ohnedies jedem anderen vorgezogen werden, müssen Sie doch schon selbst bemerkt haben. Von den Vorwürfen, die ich mir deswegen hier schon von allen Seiten zugezogen habe, will ich gar nicht sprechen.
In Angelegenheit der von einer Hannoveraner-Konzert-Direktion beabsichtigten Gründung einer Schönberg-Gesellschaft, verhalte ich mich ablehnend, denn ich bin ganz Ihrer Ansicht, dass eine solche Ihnen weit mehr schaden könnte, als nützen. Es gibt gewiss Dinge, die sich nicht künstlich rasch in die Höhe treiben lassen; gewiss wäre es das Ideal, eine geldkräftige Organisation zu besitzen, die Ihre Werke weitesten Kreisen zugänglich macht. Aber damit das irgendwie nennenswert zum Ausdruck komme, müsste diese Organisation über die Zinsen von vielen hunderttausenden Kronen verfügen können und zu einer derartigen Organisation ist momentan nicht die geringste Aussicht vorhanden. Ich schreibe heute Herrn Bernstein, dass ich seine Idee derzeit für unzweckmässig und undurchführbar halte, dass ich ihm aber für sein Interesse als Verleger wärmstens danke und ihm nahe lege, in Hannover eine Aufführung der Gurrelieder zu ermöglichen oder aber Sie, da Sie sich als ausserordentlich hervorragender Dirigent erwiesen haben, dadurch zu fördern, dass er Sie nach dieser Richtung hin, durch Engagements unterstütze. – Mit vielen herzlichen Grüssen Ihr Ihnen aufrichtig ergebener
Emil Hertzka

Beiliegend Brief Bernstein retour.


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