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Wien 28. März 1914.
Wohlgeboren
Herrn Arnold Schönberg
Berlin
Lieber Herr Schönberg !
Vor allem freue ich mich herzlich, Ihnen mitteilen zu können, dass die gestrige Gurrelieder-Aufführung einen glänzenden Erfolg hatte. Ich war nach der vorgestrigen Generalprobe schrecklich deprimiert, denn es hatte sich Alles verschworen, um die Sache so stimmungslos und schlecht als nur möglich zu gestalten. Herr Nachod traf, wie Ihnen ja bekannt, erst um ¾ 10 Uhr, unmittelbar vor Beginn des III. Teiles ein und war nicht sehr disponiert. Vorher hatte Herr Boruttau die Partie des Waldemar beinahe vom Blatt gesungen, selbstverständlich, ohne irgend welche Wirkung aus der Sache herauszuholen. Frau Mildenburg war schlecht disponiert und die übrigen Mitwirkenden standen ebenfalls nicht ganz auf der Höhe. Das Orchester war zu laut und Vieles sehr verwischt. Ich bin also mit den grössten Befürchtungen in die gestrige Aufführung gegangen und es freut mich, gestehen zu müssen, dass das Bild gestern ein vollkommen anderes war und dass bis auf einige unwichtige Kleinigkeiten, die Aufführung gerechten Ansprüchen vollkommen entsprochen hat. Allerdings kann trotzdem nicht geleugnet werden, dass Frau Maria Freund die Waldtaube viel besser singt als Frau Mildenburg, deren hohe Töne entweder falsch oder aber so scharf klingen, dass sie einem weh tun. In der Mittellage und im Ausdruck ist Frau Mildenburg allerdings prächtig. Die Förstel bietet zwar eine prachtvolle Leistung, insbesonders dort, wo sie mit ihrer silberhellen Höhe glänzen kann aber im Grossen und Ganzen ist ihr die Partie doch entschieden zu tief und das Meiste für die Stimme der Winternitz besser geeignet. Dass Nachod kein idealer Waldemar ist, wissen wir ja. Er war auch hier anfangs zaghaft, später mutiger, ohne auch nur annähernd den Inhalt der Partie auszuschöpfen. Gregori stand in seiner Leistung weit hinter der von Frau Zehme zurück. Ich glaube, wenn wir nicht einen so musikalischen männlichen Sprecher finden, wie es Frau Zehme als Sprecherin ist, dann müsste der Sprecher von einem Sänger gesprochen werden, der bei Beibehaltung des Sprechtones die erforderliche melodische und rhythmische Wirkung hervorbringt.
Das Orchester war gestern ganz ausgezeichnet. Schreker hatte es vollständig in der Hand und er hat mit der gestrigen Aufführung mehr geboten, als ich mit Hinblick auf die geringe Anzahl von Proben und manches Missgeschick (Einspringen Nachods, etc.) für möglich gehalten hätte. Er hat dem Orchester, sowie jedem Sänger jeden einzelnen Einsatz gegeben und war seiner Aufgabe besser gewachsen, als im Vorjahre bei der Erstaufführung.
Die Aufnahme beim Publikum war schon nach dem ersten Teil eine enthusiastische und die 12 – 15 Minuten dauernde Pause zum II. Teil wurde zum grossen Teil durch-applaudiert. Auch nach dem Schluss wollte der Applaus an dem sich ein grosser Teil des Publikums beteiligte, nicht früher ein Ende nehmen, als bis die Lichter im Saale successive langsam abgelöscht wurden. Die Journallie war vollständig vertreten und wird wahrscheinlich wieder Tiefsinniges ausbrüten.
Montag hoffe ich, Ihnen die Partitur zugehen lassen zu können, damit Sie sie vor Stich noch gründlich durchsehen können. Schreker behauptet, dass in den Stimmen, trotzdem sie in Leipzig gespielt wurden, noch zahlreiche Fehler enthalten waren, die er alle auskorrigieren liess. Ich bitte Sie, die Aenderungen, die Sie in der Partitur nun noch nachträglich vornehmen, in derart auffälliger Weise zu machen (grüner oder gelber Stift oder solche/ Tinte), damit man sie leicht in die Stimmen übertragen kann, denn sonst gibt es wieder unendliche Schwierigkeiten und grosse neue Spesen.
Ich hatte sowohl bei Ihrer Aufführung in Leipzig, als auch gestern bei der hiesigen Aufführung, eigentlich nicht mehr die Empfindung grosser Ueberladenheit. Vorgestern allerdings hat das Orchester die Sänger stark gedeckt und ich habe das Schreker in eindringlichster Weise dargelegt. Er meinte hierauf, dass die Instrumentation schuld daran sei, d.h., die stellenweise starke Besetzung, wodurch ein Pianissimo oder Piano in vielen Fällen gar nicht möglich erscheine, insbesonders nicht bei der kolossalen Schar von Aushilfsmusikern, die ja auch bei der sorgfältigsten Auslese nicht erstklassig sind. Als ich ihm hierauf entgegnete, dass es in Leipzig doch ging, schien ihm das doch nicht ganz einzuleuchten. Gestern Abend jedoch war erfreulicherweise das Orchester viel gedämpfter und er zeigte mir auch abends stolz einen Zettel, den er in mehr als 400 Exemplaren noch gestern an das Orchester verteilen liess, und in welchem er das Orchester in dringendster Weise um leises Begleiten und dergl. mehr, ersucht. Diese Aufforderung hat zweifellos ihre Wirkung getan und ich erwähne Ihnen diesen Umstand deswegen, weil ich glaube, dass gerade auf dem Gebiete der Vortragszeichen noch vielleicht Manches bei Ihrer letzten Retouche berücksichtigt werden könnte.
Wenn ich Ihre Aufführung der gestrigen in Bezug auf Orchester- und Chorleitung vergleichen soll, so muss ich die Ihre als viel subtiler und sauberer bezeichnen, während die gestrige im Klang und in der Farbe sowie stellenweise im Tempo lebhafter und Manches effektvoller war. Die Solisten waren in Leipzig durchwegs besser, sogar die Beiden, (Nachod und Boruttau), die beide Aufführungen mitmachten.
Was nun die Kammersymphonie betrifft, so lasse ich zunächst die Partitur-Korrekturen auf den Platten vornehmen und hoffe, dass wir bald Korrektur-Exemplar erhalten werden. Ihre Idee, dass die Stimmen handschriftlich korrigiert werden sollen, bedeutet vielleicht eine sehr gute Lösung und verbilligt die Angelegenheit. Sobald die Stich-Korrekturen in der Partitur gemacht sein werden, werde ich Sie bitten, dem jungen Menschen, der für M 2.50 bis M 3.- [*]Tagesverdienst diese Arbeit übernehmen könnte, eine einzelne Stimme zu übersenden, die er ja dann etwa 20 mal auszubessern hätte. Wir würden dann feststellen, wie lange die Korrektur einer solchen Stimme dauert und ob die Arbeit auf diesem Wege gemacht werden soll.
Ihre Mitteilungen, betreffend die Kammer Symphonie Ausgabe für Orchester habe ich bestens zur Kenntnis genommen. Die Pierrot-Korrekturen, sowie das Georgelieder-Manuskript, erwarte ich. Das Aufführungsrecht von „Pierrot lunaire“ macht mir auf Grund ihrer Aufklärung keine weiteren Sorgen und ich werde, sobald wir die Partitur vollständig fertig haben, an die Vervielfältigung der Stimmen gehen.
Was die englische Uebersetzung von Wood betrifft, so werde ich, sobald eine definitive Annahme von ihm vorliegt, diesbzgl. an ihn herantreten, und von ihm möglichst wörtliche Uebersetzung verlangen. Selbstredend sollen Sie dieselbe erst prüfen, bevor sie gedruckt wird.
Wegen des achthändigen Arrangements-Manuskriptes lasse ich zunächst bei Webern, Berg oder Stein anfragen. An Herrn Dornay, Berlin, liess ich den Klavierauszug der Gurre-Lieder abgehen.
Ich glaube, damit Ihr gestriges Schreiben vollständig beantwortet zu haben. Was aber den Brief vom 24. Februar betrifft, den Sie erst jetzt vorgefunden haben, so verstehe ich, offen gestanden, Ihre Einwendungen bzgl. der Harmonielehre nicht[**]. Ich kann mir nämlich gar nicht denken, dass man die Verrechnungsfrage anders lösen könnte, als ich es Ihnen vorgeschlagen und auch im Vertrage zum Ausdruck gebracht habe. Ich weiss insbesonders nicht, ob Sie bei der Verrechnungsart bzgl. der Harmonielehre, d.i. die Hälfte des Reingewinnes bleiben wollen oder ob Sie die Verrechnungsart ändern wollen. Wenn Sie bei der Verrechnungsart bleiben wollen, dann kann man ja absolut nichts anderes tun, als die Eingänge für die Harmonielehre zur Tilgung der bisherigen Ausgaben zu verwenden, denn wenn nicht in dieser Weise vorgegangen wird, können wir ja niemals eine Basis für einen Reingewinn haben. Sobald nun ein Reingewinn da sein wird, so kommt er auf Ihr Konto und zwar auf das einzig zu führende Gesamt-Verrechnungs-Konto. Sie verwechseln da die Detail-Konti, die ja über jedes einzelne Werk geführt werden müssen, mit dem Haupt-Verrechnungs-Konto. – Ich glaube, ich habe Ihnen das aber alles schon geschrieben und wenn Sie sich trotzdem mit meiner seinerzeitigen Antwort nicht einverstanden erklären, so weiss ich wirklich nicht, welche Verrechnungsart Sie eigentlich wünschen. Vielleicht geben Sie mir diesbzgl. Auskunft, damit ich mich darüber äussern kann.
Für Ihre Tochter lasse ich gleichzeitig einen gebundenen Klavierauszug der „Gurre-Lieder“ von Leipzig abgehen.
Mit vielen herzlichen Grüssen
Ihr in Verehrung ergebener
Hertzka
[* Rotstift, seitlich doppelt angestrichen plus Anmerkung von AS „schicken“]
[** Rotstift, auch seitlich markiert]
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