Arnold Schönberg Center Library

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Group: Press ClippingsMediatype: article
Author: Weber, Waldemar
Title: Schönberg: "Die glückliche Hand". Chemin-Petit: "Der gefangene Vogel." - Thiessen "Salambo". Drei Uraufführungen im Duisburger Stadttheater
Journal: Duisburger General-Anzeiger. Morgen-Ausgabe
Volume: 48
Number: 90
Pages: 2
Publishing date: 1929.02.22
Publishing date (source): Freitag, den 22. Februar 1929
Keywords: Schönberg Arnold. Die glückliche Hand op. 18; Schröder Johannes; Performances; Allgemeiner Deutscher Musikverein; Schum Alexander; Drach Paul; Trieloff Wilhelm; Judis Edith; Siebold Karl; Opernfestwoche Duisburg
Event: 1929.02.21 Duisburg. Stadttheater
Transcription: Schönberg: "Die glückliche Hand"
Chemin-Petit: "Der gefangene Vogel." – Thiessen "Salambo".
Drei Uraufführungen im Duisburger Stadttheater.

…. und so kam jener erste Abend, der im Verlaufe unserer "Opernfestwoche" dem Kreise der Neuen Musik von Schönberg bis zu den jüngsten eingeräumt ist: und Schönberg stand mit seiner "Glücklichen Hand" in der Mitte des Programms und im Mittelpunkt des Abends. Außerlich schon angedeutet dadurch, daß Oberregisseur Dr. Alexander Schum dem Werk einen viertelstündigen Vortrag vorausschickte, auf den nur darum hier nicht näher eingegangen zu werden braucht, weil er, da er dasselbe wollte, wie die Einführungen, die wir an dieser Stelle brachten, in den wesentlichsten Punkten mit uns die gleichen Wege geht. Auch Schum deutet das Musikgeschehen der Gegenwart als eine der historisch stets zu beobachtenden, naturnotwendigen Stilwandlungen: Innerhalb dieses Wandels ist ihm Schönberg einer der auslösenden Momente, in allem die Persönlichkeit, die in Unbeirrbarkeit die Loslösung aus der Tradition vollzogen und in derselben Unbeirrbarkeit in Neuland vorstieß. Worum er das Publikum bat: um den Willen zum Verständnis: um die Einsicht, daß Neues zwar ungewohnt sei, das Ungewohnte aber nicht schlecht sein müsse. Treffend sein Vergleich zwischen Händel und Strauß in ihrem Opernschaffen: wie das Ohr in zweihundertjähriger Entwicklung sich geändert habe; das Strauß dem Publikum der Händelzeit vorgesetzt, ähnlich unverständlich und missverständlich gewirkt haben müsse, wie uns heute ein Schönberg; nur daß in dem Tempo der Zeit Schönberg von Strauß weit schneller und viel weiter abgestoßen sei, als ein Strauß sich von Händel entfernt habe…

… und dann ging die "Glückliche Hand" in Szene. Ergebnis: Ein nicht bestrittener, in mehr als einem halben Dutzend Vorhängen sich dokumentierender Beifall. (Von den wir gern annehmen, daß er zum Teil und zum guten Teil auf die Wiedergabe gemünzt war). Deutlicher ausgesprochene Meinungen erlebte man in der Foyerconversation…

…. und: den einen war dieser Schönberg zu zahm, den anderen das Erzeugnis unzeugbar sich dokumentierender Gehirnerweichung. Zwischen diesen beiden Polen schwankten die Urteile; erfreulich die nicht geringe Zahl auch derer, die den inneren Drang einer weiteren Auseinandersetzung mit dem Problem verspüren, die aus allen Rätseln die starke Schöpferkraft des Komponisten herausfühlten.

Denen er zu zahm erschien: vielleicht haben sie nicht so ganz Unrecht. Aber sie gewannen diesen Eindruck weniger aus der Partitur, als aus der Deutung der Partitur. Nach dem Bild, das wir von dem Wesen der künstlerischen Eigenart und der Gesamteinstellung zur Kunst des Dirigenten Paul Drach aus seinen bisherigen, sicherlich hochzuschätzenden Leistungen haben, können wir uns vorstellen, daß er starke innere Windungen zu dieser Musik nicht hat und daß er eigenstarke Künstlerpersönlichkeit genug ist, Hemmungen aus Aversion gegenüber einem Schönberg zu empfinden. Ein von dieser Partitur Besessener hätte natürlich die letzten Konsequenzen aus ihr ziehen müssen und ziehen können: Drach suchte den Ausgleich u. die Milderung –, unbewußt aus inneren Gegebenheiten; vielleicht bewußt in dem Glauben, dem Werk und der Bühne dienen zu können. In Wirklichkeit müßte sich gerade das Klangliche der Schönberg’schen Musik anders darstellen, als es hier zum Ausdruck kam. Schönberg fordert vom Dirigenten den letzten Grad der Selbstentäußerung; er verlangt von ihm, daß er nicht mehr sei – und verlangt damit ungeheuer Schweres – als ein Ueberwacher seiner differenzierten dynamischen Vorschriften, verlangt, daß jedes Instrument nicht subjektiv Klang beisteuere aus irgendwelchen eigenen oder Dirigentenvorstellungen heraus, sondern objektiv gerade so viel, wie er, der Komponist, im Augenblicke vorschreibe. Der Dirigent ist bei ihm – wie irgend jemand mal treffend gesagt hat – nichts als der Organist vor der Orgel, der nach Vorschrift Register zieht. Drach, in besten Absichten sicherlich, kolorierte aus eigenem Herein und verweichlichte, versentimentalisierte damit das Klangliche. Auch in dem Chor der sechs Frauen- und sechs Männerstimmen, die – freilich mag da noch intensiveres Studium vonnöten sein, als die Bühne sich im Augenblick erlauben konnte – im Zusammenklang noch irrealer, übersinnlicher wirken müssen in dem peinlichsten Vollzug der dynamischen und klangphysiologischen Vorschriften....

Ansonsten zeigte sich die Wiedergabe auf respektabler Höhe. Schum als Regisseur hatte die Selbstüberwindung, sich ganz hinter das Werk zu stellen. Die Bühnenbilder, die er mit Johannes Schröder schuf waren eine willige Deutung der Schönberg’schen Absichten; in den Lichtausbeuten, namentlich in der Sturmszene, hätte man sich eine intensivere Gestaltung vorstellen können; freilich wissen wir nicht, wieweit die technischen Mittel entgegenstehen und entgegenkommen. Der Grundgedanke des Werkes jedoch, wie wir ihn aus unserer Einführung als bekannt voraussetzen, entwickelte sich in starken Spannungen und Lösungen und war in der Wiedergabe von eindringlichster Wirkung.
Dank auch dem freudigen Sicheinsetzen der Mitwirkenden. Wilhelm Trieloff war der Rolle des Mannes, der neben der Bewältigung einer gar zu kurzen, aber schwierigen Gesangspartie ein starkes darstellerisches, der Mittel der Pantomime sich bedienendes Talent erfordert, ein eindruckstarker Interpret. In der pantomimischen Partie des Herrn und des Weibes entwickelten Edith Judis und Karl Siebold ihr reiches schauspielerisches Können. Für den überaus schwierigen Chor hatten sich die ersten Solokräfte des Theaters dankenswerterweise zur Verfügung gestellt. Das Orchester spielte mit jener Hingabe, die die Schwierigkeit und Bedeutung der Aufgabe erforderte....
....und so stellte sich die "glückliche Hand" zur Diskussion einem Publikum, das in der Mehrzahl gewiß nicht mitgehen konnte, das aber das große Können eines Mannes respektierte, der ein ehrlicher Sucher in allen Fällen, Bahnbrecher für die junge schaffende Generation in den meisten Fällen, Wegweiser an entscheidenden Kreuzungspunkten war und ist. Mit welchen Reichweiten, darüber wird die Geschichte zu entscheiden haben....

[...]

Und so war auch dieser Abend, in seiner Programmgestaltung nicht minder, als in seiner künstlerischen Gestaltung der Werke, ein verheißungsvoller Auftakt zu dem künstlerischen Ereignis dieses Sommers, das sich als "Opernfestwoche" darbieten soll…..
Location: Universitäts- und Landesbibliothek Bonn; Arnold Schönberg Center, Wien. Archive
Collection: Arnold Schönberg Estate; Stadtarchiv Duisburg
Call number: Clippings
File: 1929 02 22 Duisburger General-Anzeiger Morgen-Ausgabe
File: 1929 02 22 Duisburger General-Anzeiger Morgen-Ausgabe
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