Letters Details
| Date from letter: | 1911.07.23 Filing Element: 1911.07.23 ID: 6698 | |||||||||||||||||||||||||
| URN: | https://repo.schoenberg.at/urn:nbn:at:at-asc-B066988 | |||||||||||||||||||||||||
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| First Line: | Cassierer hat mir noch nicht geschrieben und ich k | |||||||||||||||||||||||||
| Language: | G, German | |||||||||||||||||||||||||
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| Version: | Final version | |||||||||||||||||||||||||
| Text: | Wien, 23/7.1911 Lieber Herr Direktor, Cassirer hat mir noch nicht geschreiben und ich kann eigentlich kaum länger warten. Deshalb möchte ich Sie also jetzt bitten, mir so rasch es geht einen Antrag zu machen. Nur bitte ich Sie diesen Antrag so zu fassen, daß ich wirklich darauf eingehen kann. Bitte überlegen Sie: ich habe an der Harmonielehre bis jetzt nahezu ½ Jahre (rein gering 1 Jahr) gearbeitet und habe dafür 500 Kronen gehabt! Nicht wahr, das geht ja nicht. Aber abgesehen davon, ich könnte ihn auch deshalb nicht annehmen, weil mir damit nicht gedient ist. Ich habe am 1. August Zins zu zahlen und habe außerdem nichts für die Zeit bis Mitte September, wo ich erst wieder Hoffnung habe, etwas zu verdienen. Es wäre mir also mit einer geringen Summe nicht gedient. Denn abgesehen von Allem gäbe ich damit die Chance auf den Erfolg meiner Harmonielehre abzuwarten, worauf mir wohl sicher hohe Honorare in Aussicht stehen. Bitte mißverstehen Sie mich nicht! Ich will sehr gerne Sie dem Cassirer vorziehen. Denn ich weiß ja, daß Ihr Verlag für mich sehr vorteilhaft dadurch ist, daß alle meine neuen Sachen bei Ihnen erscheinen. Aber die Sache ist doch so, daß mir mit einer kleinen Summe nicht geholfen ist, ich mich aber dann zu einer Arbeit verplifchtet habe, für die ich möglicherweise einige Monate später den fünffachen Betrag bekommen könnte--denn die Harmonielehre wird nach der Meinung aller--selbst sehr kühl und pessimistisch denkender--sicher ein Sensations-Erfolg. Speziell als Lehrbruch!! Nun aber bitte, nicht diese Gründe allein sind es auf die ich mich stützen will, sondern vielmehr habe ich die Hoffnung, daß Sie diese Gelegenheit benutzen werden, um hier (wo Ihr Risiko weiniger groß ist) an mir als Mäcen zu handel. Als einer der mir wirklich nützen will, indem er mir die dringendsten Sorgen vom Leib hält. Schaun Sie, ich arbeite seit 6 Monaten an der Harmonielehre durchschnittlich 7-9 Stunden täglich. Ich leiste etwas, ich arbeite, ich bin fleißig, ich besitze alle moralischen Tugenden, die man verlangen kann und muß solche Sorgen haben, daß ich nicht aus noch ein weiß! Alles erholt sich im Sommer--ich arbeite! Alles hat einen freien Kopf--ich habe Sorgen. Nun aber: und wieviele leisten noch soviel wie ich?!? Ist das nicht ungerecht. Und wäre es nicht schön von Ihnen mir da ausgiebig zu helfen. Denken Sie in 50 Jahren, wenn man allgemein wissen wird, wer ich war, dann wird man ebenso darüber urteilen, wie über andere ähnliche Fälle. Deshalb wende ich mich an Sie, daß Sie diese Angelegenheit als Mäcen behandeln. Nicht wahr, mein anderer Vertrag ist ja sowenig günstig (ich bekomme, wie ich neulich berechnet habe genau halb so viel von Ihnen als ich unter gleichen Umständen bei Marschalk bekommen hätte), ich meine da könnten Sie mir hier, indem Sie ein wenig nur von Ihren geschäftlichen Prinzipien abgehen, diesmal einen günstigeren Vertrag machen. Ich meine, wenn Sie sich auf den Standpunkt stellen wollen, daß ein Mensch, wie ich einen Mäcen verdient! Ich hoffe Sie von der Richtigkeit meiner Ansicht überzeugt zu haben und erwarte mir von Ihrer Noblesse, daß Sie dem guten Kaufmann einmal einen Possen spielen wird. Also bitte: machen Sie mir einen günstigen Antrag. Und aber: sehr rasch!!! Das bitte ich Sie sehr. Sie entschließen sich ja immer so schnell. Überlegen Sie, wie es am raschesten geht. Vielleicht können Sie es so machen, daß sie mir in einem Brief Ihre Bedingungen schreiben und ich hätte bloß mein Einverständnis mit diesen Bedingungen mitzuteilen (an die Universal-Edition) worauf mir die Vertragssumme sofort ausbezahlt wird. Ich bitte Sie keinen Tag zu verlieren. Wenn Sie mir eine große Summe geben könnten (womöglich 1500 Kronen) könnte ich vielleicht doch noch auf ein paar Wochen fort. Ich hätte es sehr nötig. Und meine Frau noch mehr. Die hat eben wieder einen heftigen Anfall von einem Lungenspitzenkatarrh. Sie sollte unbedingt fort. Und ich kann sie nicht fortschicken. Ich wäre eventuell bereit einen Vertrag auf meine ganze musikschriftstellerische Tätigkeit zu machen. Ich plane folgende Schriften in der nächsten Zeit: (außer dem Kontrapunkt) eine Instrumentationslehre; die gibt es nämlich bis jetzt nicht; denn alle vorhandenen Bücher sind Instrumentenkunde. Ich aber will die Setzkunst für Orchester lehren!!!! Das ist ein großer Unterschied und etwas absolut Neues!! dann eine "Vorstudie zur Formenlehre" "Untersuchung über die formalen Ursachen für die Wirkung in modernen Kompositionen" diese Schrift wird sich wahrscheinlich nur mit Mahler-Werken befassen. dann später: ebenfalls als Vorstudie zur Formenlehre: "Form-Analysen und Gesetze, die sich daraus ergeben" schließlich hierauf: "Formenlehre" Alle diese Bücher sind Lehrbücher oder Lehr-Hilfsbücher. Das ganze zusammen ergibt dann eine Ästhetik der Tonkunst unter welchem Titel ich ein das zusammenfassendes Werk schreiben will. Zu allen diesen Werken habe ich bereits Ideen und auch Notizen. Im Lauf von fünf Jahren kann ales fertig sein! Also ich biete Ihnen, was ich kann, tun Sie das gleiche und bieten Sie mir mehr. Viele herlzliche Grüße Ihr Arnold Schönberg | |||||||||||||||||||||||||