Lieber Herr Direktor,
heute endlich komme ich dazu, Ihren Brief vom 16. November d.J. zu beantworten durch einen Brief, den ich seit mehreren Jahren schreiben will und um des lieben Friedens willen immer wieder hinausgeschoben habe. Aber ich sehe es ein, diese Sache muß einmal zur Austragung kommen [4 lines crossed out].
Ich muß, ehe ich zu den betreffenden Einzelheiten übergehe sagen: Was mich abgehalten hat, mein Recht zu suchen oder mich auch nur brieflich an Sie zu wenden, ist meine große Sympathie für Ihre Person, die Schätzung für Ihre hervorragenden Leistungen zugunsten des von Ihnen geleiteten Unternehmens und eine gewisse Dankbarkeit für Ihr persönlich wohlwollendes Verhalten mir gegenüber und für gewisse Leistungen des Verlages, die ich gern anerkenne; insbesondere aber Kampfmüdigkeit und die Abneigung diese Sache anzugehen, was für längere Zeit meine ganze Kraft voll absorbieren wird.
Aber ich weiß es seit Langem, daß ich sie doch werde auskämpfen müssen, und die schwache Hoffnung, daß Sie dem zuvorkommen werden, um selbst die Vorschläge zu machen, die solche peinlichen Auseinandersetzungen überflüssig machen, hat sich nicht erfüllt. Sie haben leider nicht die Voraussicht gehabt, und--ich muß das mit gewissem Bedauern hervorheben--auch nicht genügend Wohlwollen aufgebracht, um mich rechtzeitig zu befriedigen, sondern haben nur das Interesse der Universal-Edition gefördert; das aber in einem Maße, welches weit über die Rechte hinausgeht, die Ihnen zustehen.
Zur Sache nun:
Es sind drei Hauptpunkte, die ich zunächst erörtern will. Sie betreffen:
I. Die Art der Verrechnung,
II. Herausgabe meiner Werke,
III. die Höhe meiner Anteile.
Um der Reihe nach vorzugehen, beginne ich mich[!] Punkt
I. Die Art der Verrechnung
1) Nach meinen Aufzeichnungen und dem mir vorliegenden Material sind mir nicht annähernd soviel Exemplare und Aufführungen verrechnet als dem Tatbestand entspricht. In einem gewissen Zeitpunkt waren von einem Werk z.Bsp. erst ca. 70 Exemplare verrechnet, wo schon mehr als ein halbes Jahr lang die dritte Auflage erschienen und die 2. vergriffen war. Ähnliches konnte ich säter bei einigen anderen (größeren!) Werken konstatieren. Ich nehme als Hauptursache dafür folgendes an:
2) Sie haben sich seit einiger Zeit auf einen Standpunkt gestellt, den ich durchaus nicht anerkenne, der mich tief schädigt und sicher unhaltbar ist: daß Sie mir Anteile erst verrechnen, bis Sie sie beza[h]lt bekommen. Es ist doch klar, daß Sie den Kredit, den Sie ihren Abnehmern gewähren, nur für Ihre Person allein gewähren, nicht aber ihn auf mich überwälzen können. Ich bin ja nicht Teilhaber Ihres Geschäftes und gewinne nicht durch die Vorteile, die Sie durch Kreditierung gewinnen. Weil Sie ihm kreditieren, bezieht er klassische Musik von Ihnen und Sie gewinnen dadurch. Von neueren Werken aber nimmt er nur soviel, als er wirklich braucht und sofort verkauft. Außerdem beza[h]lt er Ihnen jedenfalls runde Summen: Wie sollte ich da kontrollieren können, ob meine Erträgnisse hier mit einbegriffen sind.
3. Die Abrechnungen wimmeln von Fehlern und Irrthümern. Und gerade, daß auch Fehler zum Schaden der U.E. vorkommen ist geeignet zu beunruhigen. Rechenfehler, unter anderem--die ich als Laie auf den ersten Blick gesehen habe, sind von einem geschulten Personal nicht entdeckt worden! Muß ich da nicht über die Richtigkeit der anderen Posten, die ich nicht kontrollieren kann im höchsten Grad beunruhigt sein?
4. Sie berechnen mir, ohne Rücksicht darauf, in welcher Valuta, in welchem Land die betreffenden Exemplare verkauft wurden, ohne Nennung des Zeitpunktes etc alles gleichmäßig in Kronen, obwo[h]l mein Interesse und Recht am Besitz ausländischer Valuta ebensogroß ist als das Ihrige und ich einen unbezweifelten Anspruch auf x% vom [Laden]preis habe!
Nun zu Punkt II.
II. Herausgabe meiner Werke
l) Jeden Augenblick erfahre ich von einem anderen Werk, daß es in keiner Musikalienhandlung zu haben ist und die U.E. die Auskunft erteilt, daß es augenblicklich (sehr lange Augenblicke) vergriffen ist.
2. Obwo[h]l es nicht nur mein Interesse, sondern in noch größerem Masse, das Ihrige ist, da man Ihnen ja jede Note, die es von mir giebt, geradezu aus den Händen reißt, haben Sie noch immer nicht mit der Herausgabe der 2- u 4-händingen Auszüge und sonstigen Arrangements meiner Werke die Sie mir seit mehreren Jahren zugesagt haben, begonnen und erschweren die Anfertigung solcher Auszüge dadurch, daß Sie den Arrangierern Honorare anbieten, für welche heute nicht die [ilg.]arbeit beza[h]lt ist, obwo[h]l das Erträgnis solcher Arrangements nicht geringer ist, als das der Originale. Es fehlen noch immer und seit Jahren: 2- resp. 4-händige Auszüge der Kammermusiken, des Pierrot, der Kammersymphonie, des Pelleas; und die der "Erwartung" und "glückl. Hand" werden auch nicht fertig. Aber von gänzlich erfolglosen und aussichtslosen anderen Komponisten nach denen kein Hase kreischt[?] giebt es alles; obwohl es da noch nie wer anderer als der Komponist verlangt hat, während bei meinen Werken allseits Nachfrage danach ist. Das schädigt mich schwer. Vor allem künstlerisch, weil die Leute meine Partituren doch nicht lesen können, aber aus den Auszügen doch die Werke kennen lernen würden.
III. Höhe meiner Anteile
1.) Sogar in einem Preisausschreiben haben Sie dem "Sieger" 15% Anteil versprochen, während ich heute noch bei den meisten meiner Werke bloß 10 und 12 1/2% habe. Wir haben seinerzeit eine Vertragsänderung besprochen, die für den Fall einer amerikanischen Gurreliederaufführung in Kraft treten soll. Heute sind die Vorteile, die eine solche Aufführung für Sie gehabt hätte durch die Valutaverhältnisse und meinen Absatz-Erfolg längst überholt, so daß Sie in der Lage gewesen wären, diese[s] Vertrag, ohne erst durch mich daran gemahnt zu werden aus eigenem [!] in Kraft zu setzen. Ich hatte das von Ihnen erwartet!!
2) Hieher gehört auch, wenn nicht unmittelbar, die Regelung meines Verhältnisses zum Dreililien-Verlag. Ich finde, daß Sie sich keinesfalls weiter dazu hergeben dürfen, mit diesem Verlag in der bisherigen Weise verbunden zu sein, wo Sie wissen in welcher Weise ich dort betrogen wurde. Sie müßten meine Sache zur Ihrigen machen und Ihre Erfahrung und Ihren Einblick in die geschäftlichen Praktiken dieses Verlages dazu benützen, mir mein Recht zu verschaffen: hier darf man nicht teilnahmslos zuschauen!
----------------------------
Nun habe ich Ihnen alles gesagt, was mich verstimmt, und muß Ihnen nun sagen, wie weit diese Verstimmung geht, um dann auf die Harmonielehre zu sprechen zu kommen.
Ich habe alles Interesse an der Herausgabe meiner Werke verloren und bin entschlossen, solange nichts zu verlegen, bis das geordnet ist. Es muß also geordnet werden und da ich jetzt die Sache widerwilligst[?] in die Hand nehme, werde ich wohl solange keine Ruhe haben bis ich sie nicht zuende gebracht habe.
In der Harmonielehre Frage machen Sie mir Vorwürfe!! Aber
I. ist es meine Schuld, daß der Satz der I. Auflage wegen [ilg.] hundert Mark nicht stehen gebliebe ist?
II. Ich hätte gerne ein neues Werk geschrieben, statt diese Bearbeitung zu machen, für die ich innerlich noch nicht reif war.
III. Ende Juni habe ich Ihnen die letzte Partie der Neubearbeitung geschickt--Anfangs September erst erhalte ich den Schlusß gedruckt!!! Ja soll ich mich Ihnen 3 Monate hindurch zum Korrekturlesen zur Verfügung halten? Und noch dazu hat man mir gegen meine ausdrückliche Bestimmung, das Manuskript ungeteilt zu lesen, doch die Notenbeispiele herausgerissen, so daß ich große Mehrarbeit damit habe, es wieder zusammenzustellen und zu prüfen ob nichts verloren ist! So behandelt man ein Manuskript: das ist eine große abscheuliche Respektlosigkeit!
IV. Ohne mich zu befragen haben Sie die Harmonielehre für einen lächerlichen Betrag nach Amerika verkauft und mich einem Uebersetzer ausgeliefert, dessen Unzulänglichkeit sich schon mit dem 3ten Wort bekundet, das er übersetzt, einem Wort, welches sich durchs ganze Werk zieht, einer seiner Grundbegriffe ist und eines seiner wichtigsten Verdienste!
5. Das Linsengericht für welches meine theoretische Erstgeburt in eine englische Fehlgeburt verwandelt werden sollte haben Sie in Dollar erhalten. Sie selbst sagten mir vor Ihrer Reise nach Amerika, daß Sie Ihre Dollar-Guthaben dort stehen lassen (was ganz selbstverständlich ist und kein Mensch anders tun[?] wird); mir aber rechnen Sie 250 Dollar = 90.000 Kronen!! Soll, kann ich das anerkennen?
hieher die Einschalt. [A] [note A is found at the end of the original letter - it has been inserted here in the transcription]
[A] Sie müssen nicht glauben, daß ich etwa aus Bosheit die Harmonielehre zurückhalte; oder um eine Pression dadurch auszuüben--es ist wirklich so: ich habe total die Lust an all dem verloren. Was mich als Autor angeht, habe ich getan: Ich habe geschrieben. Am Verlag kann ich nur Materielles [!] Interesse und Freude über die Verbreitung meines Werkes und meines Rufes haben. Leider: ist mir genommen--woran habe ich nun Interesse?
-------------------------
Ich muß hier noch die Fälle Seligmann und Berg erwähnen: Beide, die ich empfohlen habe, haben Sie schlechter behandelt, als wenn sie als gänzlich Unbekannte zu Ihnen gekommen wären. Am Fall Berg, für dessen weiteres Schicksal ich nun keine Sorge mehr habe, interessiert es mich, neuerdings festzustellen, wie hoch Sie mein Urteil und meine Empfehlung schätzen. Aber, daß, wenn ich ich einen von mir inspirierten Artikel, in dem auch mein Name in diesem Sinn genannt wird, an Sie empfehle, daß dieser Artikel zurückgestellt, dann einem Trottel von Universitätsprofessor zur Begutachtung vorgelegt wird und schließlich--entgegen jedem Usus--ohne Befragung des Autors, mit einer trottelhaften Entgegnung, die von Beleidigungen strotzt, gleichzeitig abgedruckt wird--das ist ein Vorgehen auf das ich reagieren muß; und so werde ich, wenn Sie keine entsprechende Gutmachung rechtzeitig verfügen, diese Beleidigung durch Boykottierung des "Anbruch" strafen müssen.
-----------------------
Nun habe ich alles gesagt und gelange zu den Forderungen, über die wir zu verhandeln haben werden.
Ad I, 1 u.3 schlage ich vor
a) Sorgfältige Untersuchung der in Betracht kommenden Abrechnungen;
b) Getrennte Abrechnung über jedes einzelne Werk;
c) Zusage von Garantien, welche geeignet sind, meine Beunruhigung zu zerstreuen; hiezu dienen insbesondere:
d) Tabellen der Katalogpreise und Umrechnungskurse, welche der betreffenden Abrechnung zugrunde liegen, und
e) Nennung der Auflagenzahl.
Ad I/2 Verrechnung der Eingänge sofort nach Verkaufsanzeige ohne Rücksicht auf Beza[h]lung.
Ad I/4 Gutschrift und Ausza[h]lung der Original-Valuta.
Alle diese Bestimmungen sinnentsprechend rückwirkend.
Ad II.l. Garantien für rechtzeitige Beschaffung von Neuauflagen.
" " 2. Herausgabe von 2- und 4-händigen Klavierauszügen, nach Uebereinkunft, meinem gegenwärtigen Rufe entsprechend.
Ad III l.) Revision unseres Vertrages und Inkraftsetzung des Eventualvertrages.
2.) Regelung des Dreililien Verlags-Verhältnisses durch Sie, als von mir Bevollmächtigten.
Schließlich zur Harmonielehre
1) Am liebsten wäre mir: Auflösung des amerikanischen Vertrages
2) Eventuell Wahl eines geeigneten Uebersetzers; insbesondere, wenn er sich nicht zu einer höheren Auffassung seiner Aufgabe bringen läßt, als sein Brief sie bekundet.
3) Jedenfalls aber: Gutschrift der Original-Valuta.
Nun habe ich das Wichtigste gesagt--einige kleinere Angelegenheiten spare ich für die mündlichen Verhandlungen auf, die werden keine Schwierigkeiten machen.
Eigentlich hoffe ich, daß auch die Regelung meiner anderen Wünsche keine besonderen Schwierigkeiten machen wird. Denn, soweit Ihnen die Anlässe meiner Beschwerden bekannt waren, sind Sie ohne weiteres in der Lage, Abhilfe zu schaffen. Ein großer Teil anderes entspricht dem Sinn unseres Vertrages und einige Fragen, die neu sind, haben Sie sicher längst erwartet, gestellt zu bekommen. Ich kann es sehr gut einsehen, daß Sie als guter Kaufmann nicht früher eine Konzession machen--sei sie noch so selbstverständlich--ehe sie von Ihnen verlangt wird. Es ist wahrscheinlich unmöglich ein großer Unternehmer zu sein, wenn man nicht das Interesse seines Unternehmens über Alles stellt. Aber Sie werden zugeben, daß das für einen "Betroffenen" nicht durchaus angenehm ist und er von Zeit zu Zeit über den Wert seiner Haut nachdenkt--wenn er sie auch zu Markt trägt.
Wir haben uns in solchen und übleren Situationen schon oft befunden und immer wieder hat sich die Möglichkeit gezeigt, uns friedlich zu einigen: Wir werden uns auch diesmal einigen. Darum verhandeln wir ja; meinte ich es anders, würde ich fordern. Aber ich bitte Sie um Eines: Ich bin mir vollkommen klar über meine Situation und darum möchte ich gern möglichst reibungslos auskommen: Machen Sie mir darum gleich solche Vorschläge, daß ich von ihnen voll befriedigt sein kann. Wir sind beide nicht mehr jung genug, um unsere besten Kräfte und unsere knappe Zeit auf Streiten und Feilschen zu vergeuden. Ich weiß was ich will; Sie ebenfalls; wir beide kennen jeder unsere Rechte: da muß es möglich sein, sich rasch zu einigen. Vorschläge, die mich nicht voll befriedigen, meine ich darum, sollten Sie mir nicht bieten.
Ich bitte Sie, mir die Tage vorzuschlagen, an denen Sie frei sind; ich kann mirs eventuell einrichten. Womöglich jedoch: nicht am Dienstag, Donnerstag und Freitag Vormittag.
Ich bin mit den besten Grüßen Ihr Arnold Schönberg
Version:
Final version
Text:
14. Dezember 1921
Lieber Herr Direktor,
heute endlich komme ich dazu, Ihren Brief vom 16. November d.J. zu beantworten durch einen Brief, den ich seit mehreren Jahren schreiben will und um des lieben Friedens willen immer wieder hinausgeschoben habe. Aber ich sehe es ein, diese Sache muß einmal zur Austragung kommen [4 lines crossed out].
Ich muß, ehe ich zu den betreffenden Einzelheiten übergehe sagen: Was mich abgehalten hat, mein Recht zu suchen oder mich auch nur brieflich an Sie zu wenden, ist meine große Sympathie für Ihre Person, die Schätzung für Ihre hervorragenden Leistungen zugunsten des von Ihnen geleiteten Unternehmens und eine gewisse Dankbarkeit für Ihr persönlich wohlwollendes Verhalten mir gegenüber und für gewisse Leistungen des Verlages, die ich gern anerkenne; insbesondere aber Kampfmüdigkeit und die Abneigung diese Sache anzugehen, was für längere Zeit meine ganze Kraft voll absorbieren wird.
Aber ich weiß es seit Langem, daß ich sie doch werde auskämpfen müssen, und die schwache Hoffnung, daß Sie dem zuvorkommen werden, um selbst die Vorschläge zu machen, die solche peinlichen Auseinandersetzungen überflüssig machen, hat sich nicht erfüllt. Sie haben leider nicht die Voraussicht gehabt, und--ich muß das mit gewissem Bedauern hervorheben--auch nicht genügend Wohlwollen aufgebracht, um mich rechtzeitig zu befriedigen, sondern haben nur das Interesse der Universal-Edition gefördert; das aber in einem Maße, welches weit über die Rechte hinausgeht, die Ihnen zustehen.
Zur Sache nun:
Es sind drei Hauptpunkte, die ich zunächst erörtern will. Sie betreffen:
I. Die Art der Verrechnung,
II. Herausgabe meiner Werke,
III. die Höhe meiner Anteile.
Um der Reihe nach vorzugehen, beginne ich mich[!] Punkt
I. Die Art der Verrechnung
1) Nach meinen Aufzeichnungen und dem mir vorliegenden Material sind mir nicht annähernd soviel Exemplare und Aufführungen verrechnet als dem Tatbestand entspricht. In einem gewissen Zeitpunkt waren von einem Werk z.Bsp. erst ca. 70 Exemplare verrechnet, wo schon mehr als ein halbes Jahr lang die dritte Auflage erschienen und die 2. vergriffen war. Ähnliches konnte ich säter bei einigen anderen (größeren!) Werken konstatieren. Ich nehme als Hauptursache dafür folgendes an:
2) Sie haben sich seit einiger Zeit auf einen Standpunkt gestellt, den ich durchaus nicht anerkenne, der mich tief schädigt und sicher unhaltbar ist: daß Sie mir Anteile erst verrechnen, bis Sie sie beza[h]lt bekommen. Es ist doch klar, daß Sie den Kredit, den Sie ihren Abnehmern gewähren, nur für Ihre Person allein gewähren, nicht aber ihn auf mich überwälzen können. Ich bin ja nicht Teilhaber Ihres Geschäftes und gewinne nicht durch die Vorteile, die Sie durch Kreditierung gewinnen. Weil Sie ihm kreditieren, bezieht er klassische Musik von Ihnen und Sie gewinnen dadurch. Von neueren Werken aber nimmt er nur soviel, als er wirklich braucht und sofort verkauft. Außerdem beza[h]lt er Ihnen jedenfalls runde Summen: Wie sollte ich da kontrollieren können, ob meine Erträgnisse hier mit einbegriffen sind.
3. Die Abrechnungen wimmeln von Fehlern und Irrthümern. Und gerade, daß auch Fehler zum Schaden der U.E. vorkommen ist geeignet zu beunruhigen. Rechenfehler, unter anderem--die ich als Laie auf den ersten Blick gesehen habe, sind von einem geschulten Personal nicht entdeckt worden! Muß ich da nicht über die Richtigkeit der anderen Posten, die ich nicht kontrollieren kann im höchsten Grad beunruhigt sein?
4. Sie berechnen mir, ohne Rücksicht darauf, in welcher Valuta, in welchem Land die betreffenden Exemplare verkauft wurden, ohne Nennung des Zeitpunktes etc alles gleichmäßig in Kronen, obwo[h]l mein Interesse und Recht am Besitz ausländischer Valuta ebensogroß ist als das Ihrige und ich einen unbezweifelten Anspruch auf x% vom [Laden]preis habe!
Nun zu Punkt II.
II. Herausgabe meiner Werke
l) Jeden Augenblick erfahre ich von einem anderen Werk, daß es in keiner Musikalienhandlung zu haben ist und die U.E. die Auskunft erteilt, daß es augenblicklich (sehr lange Augenblicke) vergriffen ist.
2. Obwo[h]l es nicht nur mein Interesse, sondern in noch größerem Masse, das Ihrige ist, da man Ihnen ja jede Note, die es von mir giebt, geradezu aus den Händen reißt, haben Sie noch immer nicht mit der Herausgabe der 2- u 4-händingen Auszüge und sonstigen Arrangements meiner Werke die Sie mir seit mehreren Jahren zugesagt haben, begonnen und erschweren die Anfertigung solcher Auszüge dadurch, daß Sie den Arrangierern Honorare anbieten, für welche heute nicht die [ilg.]arbeit beza[h]lt ist, obwo[h]l das Erträgnis solcher Arrangements nicht geringer ist, als das der Originale. Es fehlen noch immer und seit Jahren: 2- resp. 4-händige Auszüge der Kammermusiken, des Pierrot, der Kammersymphonie, des Pelleas; und die der "Erwartung" und "glückl. Hand" werden auch nicht fertig. Aber von gänzlich erfolglosen und aussichtslosen anderen Komponisten nach denen kein Hase kreischt[?] giebt es alles; obwohl es da noch nie wer anderer als der Komponist verlangt hat, während bei meinen Werken allseits Nachfrage danach ist. Das schädigt mich schwer. Vor allem künstlerisch, weil die Leute meine Partituren doch nicht lesen können, aber aus den Auszügen doch die Werke kennen lernen würden.
III. Höhe meiner Anteile
1.) Sogar in einem Preisausschreiben haben Sie dem "Sieger" 15% Anteil versprochen, während ich heute noch bei den meisten meiner Werke bloß 10 und 12 1/2% habe. Wir haben seinerzeit eine Vertragsänderung besprochen, die für den Fall einer amerikanischen Gurreliederaufführung in Kraft treten soll. Heute sind die Vorteile, die eine solche Aufführung für Sie gehabt hätte durch die Valutaverhältnisse und meinen Absatz-Erfolg längst überholt, so daß Sie in der Lage gewesen wären, diese[s] Vertrag, ohne erst durch mich daran gemahnt zu werden aus eigenem [!] in Kraft zu setzen. Ich hatte das von Ihnen erwartet!!
2) Hieher gehört auch, wenn nicht unmittelbar, die Regelung meines Verhältnisses zum Dreililien-Verlag. Ich finde, daß Sie sich keinesfalls weiter dazu hergeben dürfen, mit diesem Verlag in der bisherigen Weise verbunden zu sein, wo Sie wissen in welcher Weise ich dort betrogen wurde. Sie müßten meine Sache zur Ihrigen machen und Ihre Erfahrung und Ihren Einblick in die geschäftlichen Praktiken dieses Verlages dazu benützen, mir mein Recht zu verschaffen: hier darf man nicht teilnahmslos zuschauen!
----------------------------
Nun habe ich Ihnen alles gesagt, was mich verstimmt, und muß Ihnen nun sagen, wie weit diese Verstimmung geht, um dann auf die Harmonielehre zu sprechen zu kommen.
Ich habe alles Interesse an der Herausgabe meiner Werke verloren und bin entschlossen, solange nichts zu verlegen, bis das geordnet ist. Es muß also geordnet werden und da ich jetzt die Sache widerwilligst[?] in die Hand nehme, werde ich wohl solange keine Ruhe haben bis ich sie nicht zuende gebracht habe.
In der Harmonielehre Frage machen Sie mir Vorwürfe!! Aber
I. ist es meine Schuld, daß der Satz der I. Auflage wegen [ilg.] hundert Mark nicht stehen gebliebe ist?
II. Ich hätte gerne ein neues Werk geschrieben, statt diese Bearbeitung zu machen, für die ich innerlich noch nicht reif war.
III. Ende Juni habe ich Ihnen die letzte Partie der Neubearbeitung geschickt--Anfangs September erst erhalte ich den Schlusß gedruckt!!! Ja soll ich mich Ihnen 3 Monate hindurch zum Korrekturlesen zur Verfügung halten? Und noch dazu hat man mir gegen meine ausdrückliche Bestimmung, das Manuskript ungeteilt zu lesen, doch die Notenbeispiele herausgerissen, so daß ich große Mehrarbeit damit habe, es wieder zusammenzustellen und zu prüfen ob nichts verloren ist! So behandelt man ein Manuskript: das ist eine große abscheuliche Respektlosigkeit!
IV. Ohne mich zu befragen haben Sie die Harmonielehre für einen lächerlichen Betrag nach Amerika verkauft und mich einem Uebersetzer ausgeliefert, dessen Unzulänglichkeit sich schon mit dem 3ten Wort bekundet, das er übersetzt, einem Wort, welches sich durchs ganze Werk zieht, einer seiner Grundbegriffe ist und eines seiner wichtigsten Verdienste!
5. Das Linsengericht für welches meine theoretische Erstgeburt in eine englische Fehlgeburt verwandelt werden sollte haben Sie in Dollar erhalten. Sie selbst sagten mir vor Ihrer Reise nach Amerika, daß Sie Ihre Dollar-Guthaben dort stehen lassen (was ganz selbstverständlich ist und kein Mensch anders tun[?] wird); mir aber rechnen Sie 250 Dollar = 90.000 Kronen!! Soll, kann ich das anerkennen?
hieher die Einschalt. [A] [note A is found at the end of the original letter - it has been inserted here in the transcription]
[A] Sie müssen nicht glauben, daß ich etwa aus Bosheit die Harmonielehre zurückhalte; oder um eine Pression dadurch auszuüben--es ist wirklich so: ich habe total die Lust an all dem verloren. Was mich als Autor angeht, habe ich getan: Ich habe geschrieben. Am Verlag kann ich nur Materielles [!] Interesse und Freude über die Verbreitung meines Werkes und meines Rufes haben. Leider: ist mir genommen--woran habe ich nun Interesse?
-------------------------
Ich muß hier noch die Fälle Seligmann und Berg erwähnen: Beide, die ich empfohlen habe, haben Sie schlechter behandelt, als wenn sie als gänzlich Unbekannte zu Ihnen gekommen wären. Am Fall Berg, für dessen weiteres Schicksal ich nun keine Sorge mehr habe, interessiert es mich, neuerdings festzustellen, wie hoch Sie mein Urteil und meine Empfehlung schätzen. Aber, daß, wenn ich ich einen von mir inspirierten Artikel, in dem auch mein Name in diesem Sinn genannt wird, an Sie empfehle, daß dieser Artikel zurückgestellt, dann einem Trottel von Universitätsprofessor zur Begutachtung vorgelegt wird und schließlich--entgegen jedem Usus--ohne Befragung des Autors, mit einer trottelhaften Entgegnung, die von Beleidigungen strotzt, gleichzeitig abgedruckt wird--das ist ein Vorgehen auf das ich reagieren muß; und so werde ich, wenn Sie keine entsprechende Gutmachung rechtzeitig verfügen, diese Beleidigung durch Boykottierung des "Anbruch" strafen müssen.
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Nun habe ich alles gesagt und gelange zu den Forderungen, über die wir zu verhandeln haben werden.
Ad I, 1 u.3 schlage ich vor
a) Sorgfältige Untersuchung der in Betracht kommenden Abrechnungen;
b) Getrennte Abrechnung über jedes einzelne Werk;
c) Zusage von Garantien, welche geeignet sind, meine Beunruhigung zu zerstreuen; hiezu dienen insbesondere:
d) Tabellen der Katalogpreise und Umrechnungskurse, welche der betreffenden Abrechnung zugrunde liegen, und
e) Nennung der Auflagenzahl.
Ad I/2 Verrechnung der Eingänge sofort nach Verkaufsanzeige ohne Rücksicht auf Beza[h]lung.
Ad I/4 Gutschrift und Ausza[h]lung der Original-Valuta.
Alle diese Bestimmungen sinnentsprechend rückwirkend.
Ad II.l. Garantien für rechtzeitige Beschaffung von Neuauflagen.
" " 2. Herausgabe von 2- und 4-händigen Klavierauszügen, nach Uebereinkunft, meinem gegenwärtigen Rufe entsprechend.
Ad III l.) Revision unseres Vertrages und Inkraftsetzung des Eventualvertrages.
2.) Regelung des Dreililien Verlags-Verhältnisses durch Sie, als von mir Bevollmächtigten.
Schließlich zur Harmonielehre
1) Am liebsten wäre mir: Auflösung des amerikanischen Vertrages
2) Eventuell Wahl eines geeigneten Uebersetzers; insbesondere, wenn er sich nicht zu einer höheren Auffassung seiner Aufgabe bringen läßt, als sein Brief sie bekundet.
3) Jedenfalls aber: Gutschrift der Original-Valuta.
Nun habe ich das Wichtigste gesagt--einige kleinere Angelegenheiten spare ich für die mündlichen Verhandlungen auf, die werden keine Schwierigkeiten machen.
Eigentlich hoffe ich, daß auch die Regelung meiner anderen Wünsche keine besonderen Schwierigkeiten machen wird. Denn, soweit Ihnen die Anlässe meiner Beschwerden bekannt waren, sind Sie ohne weiteres in der Lage, Abhilfe zu schaffen. Ein großer Teil anderes entspricht dem Sinn unseres Vertrages und einige Fragen, die neu sind, haben Sie sicher längst erwartet, gestellt zu bekommen. Ich kann es sehr gut einsehen, daß Sie als guter Kaufmann nicht früher eine Konzession machen--sei sie noch so selbstverständlich--ehe sie von Ihnen verlangt wird. Es ist wahrscheinlich unmöglich ein großer Unternehmer zu sein, wenn man nicht das Interesse seines Unternehmens über Alles stellt. Aber Sie werden zugeben, daß das für einen "Betroffenen" nicht durchaus angenehm ist und er von Zeit zu Zeit über den Wert seiner Haut nachdenkt--wenn er sie auch zu Markt trägt.
Wir haben uns in solchen und übleren Situationen schon oft befunden und immer wieder hat sich die Möglichkeit gezeigt, uns friedlich zu einigen: Wir werden uns auch diesmal einigen. Darum verhandeln wir ja; meinte ich es anders, würde ich fordern. Aber ich bitte Sie um Eines: Ich bin mir vollkommen klar über meine Situation und darum möchte ich gern möglichst reibungslos auskommen: Machen Sie mir darum gleich solche Vorschläge, daß ich von ihnen voll befriedigt sein kann. Wir sind beide nicht mehr jung genug, um unsere besten Kräfte und unsere knappe Zeit auf Streiten und Feilschen zu vergeuden. Ich weiß was ich will; Sie ebenfalls; wir beide kennen jeder unsere Rechte: da muß es möglich sein, sich rasch zu einigen. Vorschläge, die mich nicht voll befriedigen, meine ich darum, sollten Sie mir nicht bieten.
Ich bitte Sie, mir die Tage vorzuschlagen, an denen Sie frei sind; ich kann mirs eventuell einrichten. Womöglich jedoch: nicht am Dienstag, Donnerstag und Freitag Vormittag.
Ich bin mit den besten Grüßen Ihr Arnold Schönberg