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Date from letter: 1932.07.01 Filing Element: 1932.07.01
ID: 2253
URN: https://repo.schoenberg.at/urn:nbn:at:at-asc-B022535
From
Name: Schönberg, Arnold
To
Name: Stein, Erwin
First Line: lassen Sie mich Ihnen zunächst rasch für Ihren Bri
Language: G, German
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Text:

1.VII.1932

Lieber Herr Stein,
lassen Sie mich Ihnen zunächst rasch für Ihren Brief danken und dann gleich zum Hauptgegenstand dieses Briefes übergehen: die Möglichkeit einer gütlichen Einigung zwischen der UE und mir herbeizuführen.
Es sind hier vor Allem zwei Punkte, die ich hervorheben muss:
I.Sie reagieren gar nicht auf meinem Vorwurf, dass sie UE, resp. Her[t]zka, sich nicht nur an meinem Amerikanischen Erstaufführungsrecht, sondern auch an meinem Grammophonplatten recht vergriffen hat. Die ganzen Gurrelieder erfordern wenigstens circa 18 Platten (2-seitiga[!] je 4 Minuten) wofür ich, wenn ich es dirigiert hätte hering 1000 Mark pro Platte bekommen hätte. Rechnen Sie hiezu den Schaden durch Verlust des Dirigentengastspieles, den ich (ein Engagement unter zehn Konzerte @ 1000 $ hätte ich nicht angenommen) nach Abzug aller Selbstkosten mit wenigstens 6-7000 Dollarbeziffere, so kommen wir auf eine Schadenssumme von etwa 45-50.000 Mark: Herr Her[t]zka war eebn[!] stets grosszügig auf Kosten anderer!
II.Was die Methode anbelant, Herrn Her[t]zka als einen leichtfertigen Schwärmer hinzustellen, der einem schlauen Komponisten ein unbedachtes Versprechen gibt, so glaube ich nicht, dass Her[t]zka mit einer solchen seinen wahren Fähigkeiten herabsetzdnden Legendenbildung einverstanden wäre. Was sie mir darüber schreiben ist sehr stimmungsvol, aber entschuldigen Sie, dass ich ohne viel Umstände mit der Türe ins haus falle: So war es nicht, sondern Her[t]zka hat mir diese Zusage in Leipzig gegeben zur Zeit der dortigen Gurrelieder-Aufführung als Kompensation für (ich hoffe sogar, dass sich das auch noch im Briefwechsel feststellen lassen wird) entweder ein Pönale, das er mir nicht zahlen wollte (vertraglich zugesichert!) oder als Ersatz für meine Reisekosten als ich zur Uraufführung nach Wien gerufen wurde, Fehlerkorrigieren helfen, und Her[t]zka sich weigerte mir diese Ausgaben zu ersetzen. Ich glaube für eines von beiden. Wer aber Her[t]zka gut gekannt hat, wird eher annehmen, dass es für beides war und dass ich vielleicht nochetwas Drittes dafür habe hergeben müssen. Ich hoffe, dass sich nennenswerte Teile dieser Umstände werden erweisen lassen. Aber ich halte das für gänzlich unwesentlich. Denn, es wäre doch zu drollig, wenn ausgerechnet ein Her[t]zka auf ein unbedacht einem Komponisten gegebenes Versp[r]echen berufen soolte[!], wo doch das gesamte Verlagswesen auf den unbedacht gegebenen Versprechen beruht, welche die Komponisten dem Herrn Her[t]zka gegeben haben. Und wenn auch Her[t]zka niemals einen Vertrag eingehalten hat: wir wahrhaft unbedachte Komponisten mussten sie halten und darum wird auch dieser Vertrag gehaltenwerden müssen! Ich halte auch das Fo[l]genden für nebensächlich, wenn auch charakteristisch und das wahre Verhältnis bezeugend: Wird irgendjemand es für glaubwürdig halten, dass Her[t]zka sich mit mir 5-6 Stunden hätte raufen müssen, damit ich ihm eine Beteiligung von 2 Fünfteln an der Summe zugestehe, die mir Warburg für mein Erstaufführungsrecht hätte bezahlen müssen--wird irgend jemand glauben, dass Her[t]zka, wenn er mir ein nur unverbindliches Versprechen gegeben hätte, dieses nicht eben damals schon zurückgenommen und nicht mit mir verhandelt hätte? Wie war das denn? Kreditanstaltsdirektor Dr. Hammerschlag, telefonierte mir, dass Warburg durch Bodanzki in seinem Haus eine Privataufführung der G-L versnstalten[!] wollte. Ich wollte zuerst nichts davon wissen. Erzählte es Her[t]zka, der mir zuredete, für mein Recht eine Entsc[h]ädigung zu verlangen: mit Rücksicht auf den zu befürchtenden Eintritt Amerikas in den Krieg. Ich liess mich überreden und verlagte, da ich mir von der amerikanischen Erstaufführung viel versprochen hatte, 5000 Dollar. Als Her[t]zka diese ihm phantastisch vorkommende Summe hörte, wurde er leichenblass (das sehe ich noch jetzt wor mir und verlagte die Hälfte als Anteil der UE und da er stets verstand kunstvolle Kravatten zu binden, erreichte er, dass wir einen Vertrag schlossenter 2000, ich 3000 Dollar.
War das nun also ein leichtfertig gegebenes Versprechen?
Ich bin überzeugt, dass das nebensächlich ist: ich habe ihm zwanzig Jahre Vertragstreue halten müssen, trotz vieler leichtfertig und unbedacht gegebener Versprechen und trotzdem sich die Umstände des öfteren wesentlich geändert hatten: als man mir nämlich wirkliche Honorare anbot und nicht "Vorschüsse".
III. Wie stellen Sie sich vor, dass einen ganz gewöhnliche Vergwaltigung, wie diese juristisch haltbar sein soll? Wie wenn ich den Gegenbeweis (z.B.) dafür antreten könnte, dass er unter erträglichen Bedingungen gar nicht unmöglich gewesen wäre mit mir zu einer Einigung über eube eventuelle Abtretung meiner Rechte zu gelangen: Pardon bitte, ich will damit keineswegs sagen oder andeuten, als ob ich eine solche Absicht gehabt hätte, sondern ich sage das nur sowie Her[t]zka gerne sagte: "als ob". Es kann doch kein Zweifel sein, dass ich mindestens zu befragen war. Ja, aber nicht nur nicht befragt, nicht einmal verständigt hat man mich!
Ich bedaure sehr, dass Her[t]zka seinen Nachfolfern[!] nicht nur eine prekäre Lage der Universal Edition, sondern auch solche Geschäfte, wie dieses hinterlassen hat. Und da ich den guten Willen Frl. Rothes, Dr. Kallmus und Herrn Winters zu fühlen glaube und der UE nicht die Zahlung einer für sie in Ihrer heutigen Situation peinlich hohen Barsumme auferlegen will (weil ich fürchte, dass auch ich dadurch Schaden nehmen könnte) so will ich Ihnen einen Vorschlag machen für einen akzeptierbaren Frieden.
Abervorher muss ich noch einen Punkt erledigen: Als mein Vertrag abgelaufen war, hat Her[t]zka 1923 die Hälfte des Schuldsalsaldos "Neue Werke" auf "Alte Werke" zur Abdeckung aus deren Erträgnissen übertragen. Sie reinnern sich, dass ich dagegen immer protestiert habe.
Ich habe mich in der Zwischenzeit genau an den Vorgang erinnert, wie der Punkt in den Vertrag hineingekommen ist, auf Grund dessen Her[t]zka, diesen Vertragsbruch verübte. Aber ich will gegen Her[t]zka nicht unnötigerweise mehr sagen, als zur Verteidigung meiner Rechte erforderlich ist. Lassen Sie mich deshalb davon schweigen, wenn es möglich ist. Nur soviel: 1023 bat mich Her[t]zka auf wirklich rührende Weise, meinen Vertrag zu erneuern. Nach langes "Ermüdungsgefechten" über die Bedingungen, brachte er mich dazu, seinen Antrag anzunehmen, wonach er mir ein Drittel (1/3, ja wirklich 33 1/3 %) der Summe jährlich bezahlte, für welche ich anderwietige Anräge hatte, die ich ihm schriftlich nachwies! Aber: ich hatte diese Summe als Garantien verlangt, die nur aus den Erträgnissen der von mir hiefür zu liefernden Werke getilgt werden sollten.
Der Passus nun auf den Her[t]zka sich beruft, ist in dem mir vorliegenden Exemplar ein Gallimathias.
Lassen Sie mich über den Rest mit Schweigen hinweggehen!
Ich muss Ihnen sagen, dass ich jetzt, wo jemand meine ganzen Angelegenheiten bearbeiten wird, unbedingt diese Sache angegangen hätte. Das musste ich vorausschicken und lassen Sie mich nun also Ihnen meine Vorschläge machen, wie wir dazu gelangen können, die Sache zu begraben und einen anständigen Frieden zu schliessen.
1.Für die amerikanischen Aufführungen der Gurrelieder, von denen Sie mir bisjetzt Mitteilung gemacht ahben[!], nämlich:
Philadelphia 3, New York 1 Aufführung, zahlen sie mir 600 Dollar und zwar sofort und in bar.
2.Ich erhalte von Ihnen eine ordnungsmässige Abrechnung über die Eingänge aus den Plattenaufnahmen der Gurrelieder unter Vorlage der Belege. Von den ordnungsmässig nachgewiesenen Einnahmen erhalte ich einen Anteil von 50%.
Hiebei erinnere ich andas mir entgangene Dirigentenhonorar bei den Plattenaufnahmen, sowie an den Umstand, dass die Beteiligung von 50:50 gemessen an den andern Ammresätzen für Sie ausserordentlich gunstig ist.
3.Der Vom Konto "Neue Werke" auf das Konto "Alte Werke" übertragen halbe Vorschuss wird gestrichen.
Ich betrachte dies als Entschädigung für meinen Gewinnentgang als Dirigent in amerikanischen Konzerten, sowie bei den Plattenaufnahmen.
4.Die andere Hälfte des Vorschusses auf Konto "Neue Werke" ist daselbst von nun an nur mehr durch die Hälfte der Einnahmen aus diesen neuen Werken, für welche ich sie als Garantien verlangt hatte, zu tilgen.
Ich betone, dass das der Sinn meiner Verhandlungen mit Her[t]zka war, den der Vertrag entstellt widergiebt.
5.Sie geben mir die Uebersetzungsrechte der Harmonielehre zu meiner freien Verfügung, wogegen ich mich bereit erkläre, wie es dem Ursprungsvertarg[!] entspricht, dass der Gewinn im Verhäl[t]nis von 50:50 geteilt werde.
Ich erinnere daran, dass Her[t]zka in den letzten Jahren nicht weniger als 6 übersetzungen (englisch 1, amerikanisch 2, italienisch 1, spanisch 1, französisch 1) zu vereiteln verstanden hat, wodurch mir ungeheurer Schaden erwachsen ist: künstlerisch und materiell!!
6.Jede Vervielfältigung oder Bearbeitung meiner, die in anderer Weise als durch den Druck (wie es im Geist des Originalvertrages begrüdet ist) erfolgt, bedarf meiner ausdrücklic[h] en Zustimmung; die Tonfilmrechte stehen mir ja ohnedies tu. Bezüglich der Erträgnisse an Platten bin ich für meine sämtlichen bei Ihnen verlegten Werke mit fünfzig (50%) Prozent beteiligt.
7.Wie Ihnen sicherlich bekannt ist, habe ich einen sehr unangenehmen Prozess mit Waldheim Eberle wegen des Druckes meiner Oper "Von heute auf morgen" führen müssen und bin zur Zahlung von 2421 Sch. 65 Gr. nebst 5% Zinsen seit dem 1.XI. 1928 verurteilt worden. Hiezu treten noch die Kosten dieses Prozesses, die etwa 1200 Mark betragen werden und von welchen ich selbst schon ein paar hundert Mark habe bezahlen müssen.
Die Abdeckung aller dieser Beträge nüsste durch Sie übernommen werden.
Der Grund, warum ich diese Forderung stelle, ist der:
Die Hartnäckigkeit[!], mit der Waldheim-Eberle mir vor dem Prozess auch das geringste Entgegenkommen verweigerten, auch dort, wo sie keinen Schaden davon gehabt hätten, war mir immer nur im Zusammenhange damit verständlich, dass Direktor Her[t]zka Verwaltungsrat bei Eberle war und meine Oper um jeden Preis (d.h. so billig als möglich) erwerben wollte. Dies wird auch noch besser bekräftigt durch einen Ausspruch, den Her[t]zka zu meiner Frau getan hat: Er hätte gedacht, dass ich über den Mühen und Schwierigkeiten der Drucklegung meiner Oper zusammenbrechen werde, einstweilen scheine es mir Spass zu machen.
Wenn die UE diese Zahlungen rasch und glatt leistet und ebenso die vorhergehenden Punkte rasch und glatt animmt so will ich ihr zur Anbahnung eines besseren Friedens-zustandes aus freien Stücken ein Kompensationsobjekt anbieten, das ihr kaum unerwünscht scheinen wird.
Lieber Stein, ich weiss nicht, ob Sie diesen Brief, wie er ist, der UE werden vorlegen wollen. Ich bin, ohne es zu wollen, heftiger worden, als klug ist. Beleidigen oder kränken wollte ich keinen und es tut mir sehr leid, dass ich hir von Her[t]zka so reden muss. Aber bedenken Sie: Welcher Komponist meines Rangesl[!] befindet sich in meiner Lage, im Alter von 58 Jahren noch nicht von seinen Werken allein leben zu können? Ich kann da nicht ohne Bitterkeit daran denken.
Ich will der UE aus Freun[d]lichkeit keinen Termin stellen, meine aber, sie sollte sich aus Freundlichkeit selbst einen sehr viel Zeit weg und ich hätte sie gerne hinter mir.
Bitte bestätigen Sie mir den Em[p]fang dieses Briefes sogleich. Heute nur noch kurz: viele herzlichste Grüsse, Ihr

 
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