| Arnold Schönberg, Berlin-Zehlendorf-Wannseebahn
Machnower Chaussee, Villa Lepcke.
9.12.1911.
Sehr verehrter Herr Kraus,
ich habe von Ihnen so viel gelernt--in jeder Hinsicht--vielleicht mehr gelernt als man lernen darf, wenn man selbst dabei bestehen bleiben will. Deshalb muss ich wissen, dass mein Buch bei Ihnen ist,--obwohl Sie es ja leider nicht werden lesen wollen. Das tut mir unendlich leid, dass ich Ihnen damit nicht zeigen kann, was ich gerne hätte, dass Sie es sehen: dass Ihr Stil, an dem ich schreiben, ja fast denken gelernt habe, hier nicht in den Händen jemandes ist, der seiner ganz unwürdig ist. Sondern, dass hier ein Eifer sich zeigt, durch Ideen das wiederzuerstatten, was man als Form entliehen hat.
Ich weiss ja genau, worin mein Buch hinter Ansprüchen zurückbleibt, die Sie stellen müssen. Ich habe es immer gespürt, wie es mir unmöglich war, nur jene Hauptsachen zu sagen, die unmittelbar zu meinem Thema gehören, oder diese Nebensachen (meines Herzens Haupt-Sachen) so mit dem Ganzen zu verbinden, dass wirklich eine Einheit entsteht. Aber bedenken Sie: ich hätte dieses Buch schon vor zehn Jahren schreiben können. Ich war so zum Platzen voll mit Dingen, die ich glaubte sagen zu müssen, dass ich einfach nicht die moralische oder künstlerische Widerstandsfähigkeit besass, dem zu widerstehen.
Nichtsdestoweniger glaube ich, dass manches darin Ihren Beifall finden könnte, falls Sie es läsen. Insbesondere manche wichtige theoretische Unterscheidung. Umso grösser mein Bedauern, dass das nicht sein kann!
Ich grüsse Sie aufs herzlichste
und bin in inniger Verehrung
Ihr Arnold Schönberg
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