| ARNOLD SCHÖNBERG
ROQUEBRUNE CAP MARTIN
PAVILLON SÉVIGNÉ
15.XI.1928
Herrn Direktor Emil Herzka[!]
Universal Edition
Lieber Herr Direktor,
man hat Ihnen gewiss schon erzählt dass ich in der letzten Zeit an dem Text zu einem abendfüllenden Oratorium (grossen Chorstiles) "Moses und Aron" arbeite. Ich hatte geplant, dieses Werk noch hier zu vollenden und dann sofort, also Anfangs Januar mit der Komposition zu beginnen. Nun aber ist eine Wendung eingetreten: es sind mir einige Textbücher angeboten worden, von denen mich ein einaktiges zu einer komischen Oper so sehr interessiert, dass ich, wnn einige Aenderungen befriedigend ausfallen sollten, es vielleicht machen werde. Es bietet unter Anderem den Vorteil, sich[er], auch stofälich[!], gut mit meinen beid[e]n früheren Einaktern zu einem Abend vereinigen zu lassen und wenn ich mich fest dahinter setze kann ich es in 6 bis (ja was soll ich da sagen? die Erwartung habe ich in 14 Tagen komponiert) 5 oder 10 Wochen komponiert und in ebensoviel Zeit in Partitur gebracht haben. Allerdings muss ich nun schliesslich jetz[!] doch nach Berlin, aber ich würde mir das richten, so dass ich etwa Ende Februar fertig würde: wenn ich Glück habe.
Es giebt nun zwei Gründe, aus denen ich bereit wäre, Ihnen eventuell dieses Werk noch nach dem Ablaufen unseres gegenwwärtigen[!] Vertrages zu überlassen, d.h. also: zu eigens zu vereinbarenden Bedingungen. Der erate[!] Grund ist, dass ich einer Diskussion über die Frage[n], ob dieses Werk unter unseren unter[!] unseren[!] eben ablaufenden Vertrag fällt, auszuweichen bereit bin, obwohl meines Erachtens nur das Datum der Vollenddung[!] eintscheiden kann und dieses, eventuell im letzeten[!] Zehntel des letzten Vertragsjahres zu beginnede[!] Werk, kann frühestens 6-10 wochen nach dem Ablaufen fertig werden. Der zweite Grund ist der, dass es mir (ich will sie nicht verlocken) sowohl für mich, als auch für Sie günstig schiene, wenn diese drei Werke von einem Verlag vergeben würden.
Ich bin also im Prinzip bereit, über dieses Werk ausserhalb unseres Vertrages eine Vereinbarung zu treffen. Nur muss ich Sie bitten: einer meiner Gründe entfällt mit dem ersten Jannuar[!]; wenn wir also lange hin- und her-schachern[!] müssen, so haben[!] ich nur mehr einen Anlass zur Einigung und weit weniger Lust: stellen Sie mir also einen sofort annehmbaren Antrag. Ich möchte nur ja oder nein telegrafieren müsssen[!] und, dann entweder die Oper sofort anfangen (falls mir der Text noch gefällt) oder warten, bis unser Vertrag abgelaufen iist[!]: schliesslich sechs Wochen sind keine wie ijmer[!] geartete Ewigkeit!
Das Textbuch möchte ich Ihnen, aufrichtig gesagt, nicht schicken: ich musste mich immer vom Urteil aller Leute unabhängig halten. Und wie Recht ich damit hatte beweist mir einer der wenigen Fehler, die ich in der letzten Zeit begangen habe: ich habe Ihnen den ersten Akt meines Dramas vorgelesen und Sie haben mir die ganze Lust daran für fast anderthalb Jahre verdorben: das mir, der ich ja selbständig genug bin, um einen Beurteiler zu beurteilen: das Drama ist etwas grossartiges: gar keine neue Sachlichkeit! Verzeihen Sie: ich kann Ihnen das noch immer nicht verzeihen: Sie haben kein Recht, sich so zu irren! Also hoffentlich löst sich das befriedigend.
Mit herzlichsten Grüssen, bin ich Ihr Arnold Schönberg
|