Arnold Schönberg Center Library

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Group: Press ClippingsMediatype: article
Author: Schrenk, Walter
Title: Arnold Schönberg: "Die glückliche Hand." Von unserem Sonderberichterstatter
Journal: Deutsche Allgemeine Zeitung
Publishing date: 1924.10.18
Keywords: Schönberg Arnold. Die glückliche Hand op. 18; Stiedry Fritz; First performances; Pfundmayr Hedwig; Jerger Alfred; Farbcrescendo; Steinhof Eugene; Hunstiger Josef; Beck Robert
Event: 1924.10.14 Wien. Volksoper
Note: Date not completely verified - Arnold Schönberg Gesamtausgabe "19. 10. 1924 [?]"
Transcription: Arnold Schönberg: „Die glückliche Hand.“ Von unserem Sonderberichterstatter.
„Der Geniale lernt nur an sich selbst, der Talentierte hauptsächlich am anderen. Der Geniale lernt aus der Natur, aus seiner Natur, der Talentierte aus der Kunst.“ Auf keinen passen diese Worte Arnold Schönbergs mehr als auf ihn selbst. Seine Kunst bezeugt es, daß er zu jenen „Genialen“ gehört, die - als die wahrhaft schöpferischen Menschen - über alles technisch Erlernbare und alle handwerklichen Eroberungen hinweg den Weg finden zu den eigenen produktiven Quellen. Zwar hat er die große Tradition der klassischen und romantischen Musik in sich aufgesogen, aber er ist dabei nicht stehen geblieben; denn er hat sie dadurch in einem neuen Sinne lebendig gemacht, daß er „nur an sich selbst lernte“. Daher die innere Organik seines Schaffens, daher die bewundernswerte Konsequenz seiner Entwicklung, die nur Wesenhaftes zu Musik werden läßt. So ist er der Meister geworden, dem heute, an der Schwelle des fünfzigsten Lebensjahres, endlich die Früchte jahrzehntelanger Arbeit reifen und der sich von der freudigen Zustimmung aller derer getragen sieht, denen eine fruchtbare Weiterentwicklung unserer Musik am Herzen liegt. Diese Entwicklung hat Arnold Schönberg seit dem Anfang unseres Jahrhunderts auf das stärkste mitbestimmt, aber manche seiner Werke haben lange warten müssen, bis sie auch nur einmal in der Oeffentlichkeit erklangen. Am schlimmsten ist es in dieser Hinsicht seinen beiden Bühnenwerken, dem Monodrama „Erwartung“ und dem Musikdrama „Die glückliche Hand“ ergangen; beide, obwohl vor fast fünfzehn Jahren komponiert, fanden doch erst jetzt den Weg auf die Bühne. Die „Erwartung“ wurde im Juni d. J. bei dem „Internationalen Musiktfest“ in Prag aufgeführt, und das Musikdrama „Die glückliche Hand“ kam soeben in der Wiener Volksoper gelegentlich des „Musik- und Theaterfestes“ unter Fritz Stiedrys Leitung zur allerersten Darstellung. Dieses „Drama mit Musik“ führt seinen Titel insofern mit Unrecht, als es sich von dem Begriff des Dramatischen, handlungsmäßig Bewegten denkbar weit entfernt. Konflikte spielen sich wohl ab, aber sie sind durchaus in das Innere der auftretenden Person verlegt und werden überhaupt nicht in eine irgendwie deutbare „Handlung“ hineinprojiziert. Die Dichtung, die von Schönberg selbst stammt, ist eben gar kein Opernbuch im üblichen Sinne, sondern versucht - in allzu wirrer und gedankenhaft belasteter Symbolik - die „dramatische“ Idee, die Schönberg vorschwebt, in Worte zu fassen. Was dabei herausgekommen ist, das ist reine Literatur; die sich fast durchweg in Exklamationen ergehende sprachliche Formung bleibt unklar; so daß der letzte Sinn dessen, was Schönberg gemeint hat, kaum erahnbar ist. Folgendes kann festgestellt werden: ein Mann, der Hauptträger des Geschehens, leidet unter der Unmöglichkeit, Geistiges und Triebmäßiges in sich zu vereinen. Immer wieder ziehen ihn die Forderungen des Sinnlichen hinab, hier in Gestalt einer Frau, die ihn an sich lockt. Gläubig, vertrauend gibt er sich ihr hin, sie aber verläßt ihn mitleidlos, um sich, einen reichen Gecken zu verkaufen, der ihr gerade über den Weg läuft. Das gleiche Spiel wiederholt sich: noch einmal kehrt sie zu dem Manne zurück, um ihn alsbald neuem zugunsten des anderen aufzugeben. Der Mann aber, dem ihre Wiederkehr neue Hoffnung geschenkt hat, glaubt sie jetzt für immer zu besitzen. So findet er Kraft zu großen Taten, muß aber schließlich doch erkennen, daß er seine Sehnsucht an ein Trugbild verschwendet hat. Als er der Frau wieder begegnet, erniedrigt er sich aufs neue vor ihr, er bettelt - auf den Knien liegend - um ihre Liebe, sie aber tritt seine Seele mit Füßen, weist ihn hohnlachend ab und stößt ihn zurück in die Dunkelheit seines unerfüllbaren Sehnens nach irdischem Glück. Der seelische Konflikt, der hier vorliegt, ist für uns Heutige eigentlich schon erledigt und eignet sich auch nicht gerade als Grundlage für ein Drama. Wenn man ihn aber schon in dieser Form zur Diskussion stellen wollte, dann dürfte sich die sprachliche Diktion nicht so aphoristischer Kürze bedienen, wie es hier der Fall ist. (Das ganze Spiel dauert eine knappe halbe Stunde.) Zu singen hat in diesem Werk überhaupt nur der Mann (und er auch nur wenige Takte), während die Rollen der Frau und des Herrn pantomimisch darzustellen sind. Außerdem sind noch sechs Frauen und sechs Männer erforderlich, deren Stimmen am Anfang und Schluß des Werkes chorisch behandelt werden, und zwar in der aus Schönbergs „Pierrot lunaire“ schon bekannten, zwischen wirklichem Gesang und melodramatischem Sprechton schwebenden Art. Dies führt uns auf die Musik des Werkes. Schönberg ist ja glücklicherweise und zu allererst Musiker und in welchem ungewöhnlichen Maße, das zeigt die Partitur zur „Glücklichen Hand“ sehr deutlich. Diese Musik führt ihr eigenes Leben, und es ist bezeichnend für die suggestiven Kräfte, die in ihr wohnen, daß sie alle Aufmerksamkeit von der Bühne weg auf sich zu lenken vermag. Diese Partitur ist ein ganz starker Beweis für das außerordentliche Musikertum Arnold Schönbergs und sie bezwingt den Hörer durch die Fülle und Schönheit ihrer erlesenen Einfälle. Diese Musik ist von der Gnade nie versiegender Inspiration überreich gesegnet und erfüllt mit einer letzten Intensität des Ausdrucks, die für Unwesentliches keinen Raum mehr hat. Von ergreifender Schönheit sind die Gesänge des Chores, und herrlich heben sich aus dem fast immer wie in dumpfer Beklemmung atmenden Orchester gewisse Solostellen heraus, wie die grazile Flötenmelodie zu Beginn des zweiten Bildes oder die zarte, verzückt vor sich hinsingende Phrase der Sologeige bei der zweiten Begegnung des Mannes mit der Frau. An solchen Stellen merkt man auch die außerordentliche Klangphantasie Schönbergs, die aber nie irgendeinen Einfall „instrumentiert“, sondern überall die melodische Idee im Zusammenhang mit der klanglichen Erscheinungsform gestaltet. Die Klänge in dieser Partitur aber sind in jedem Takt von einer auch heute noch (nach fast fünfzehn Jahren) unerhörten Mannigfaltigkeit und Kühnheit. Ich denke da vor allem an die große Szene des dritten Bildes, die auch das Licht in besonderer Weise zur Verstärkung des Eindrucks heranzieht. Hier verlangt Schönberg eine Farbenskala, die von Rot über Blau, Grün und Violett zu einem „schreienden“ Gelb gelangt. Parallel mit diesem Crescendo des Lichts geht ein Crescendo der Musik, d. h. das Crescendo eines einzigen Klanges, der in immer neuen Kombinationen auftritt, um schließlich auf den Höhepunkt von den Trompeten im stärksten Fortissimo gebracht zu werden. Schon aus diesen kargen Andeutungen wird man ermessen können, mit welchen Schwierigkeiten eine Aufführung der „Glücklichen Hand“ zu kämpfen hat. Die Wiener Volksoper löste diese Schwierigkeiten in bewundernswerter Weise. Am Pult saß Dr. Fritz Stiedry, der jetzige Direktor der Volksoper. Man darf sagen, daß die von ihm inspirierte und mit eminenter Sicherheit geleitete Uraufführung der „Glücklichen Hand“ eine musikalische Tat darstellt. Es gibt wohl kaum etwas Schwierigeres für einen Dirigenten als diese in jedem Takt über gefährliche Klippen führende Partitur, Stiedry aber hatte sie so völlig zu eigen gemacht, hatte sich so in den Geist der Atmosphäre dieser Musik eingelebt, daß er sie ganz im Sinne ihres Schöpfers, wie mir Schönberg selbst bestätigte, zu lebendigem Klang werden ließ. Was das bedeutet, das kann nur der ermessen, der diese Riesenpartitur zu lesen und zu verstehen vermag. Gleich nach Stiedry muß das in einer Stärke von ungefähr neunzig Mann spielende Orchester der Volksoper genannt werden, das seine großen und komplizierten Aufgaben mit aller erdenklichen Virtuosität bewältigte. Von den Solisten ist Alfred Jerger in der Rolle des Mannes zu allererst zu nennen; er gab eine Leistung, die durch hohe Musikalität wie durch außerordentliche schauspielerische Intelligenz gleichermaßen hervorragte. Neben ihm die schöne mimisch begabte Hedy Pfundmayer sowie Josef Hunstiger in der Rolle des Herrn. Die sehr geschmackvollen und im dritten Bild zu starker Monumentalität des Eindruckes sich erhebenden szenischen und dekorativen Entwürfe stammten von Professor Steinhof, während die hier sehr wichtige Beleuchtung von Robert Beck dirigiert wurde. Ein großes Lob gebührt dem Chor, dessen Führer - Ilona Kelmay und Karl Fälbl - besonders genannt werden müssen. Der Erfolg des Werkes war stark; den begeisterten Rufen des Publikums, die Stiedry und seine Helfer immer wieder an die Rampe zwangen, folgte endlich auch Arnold Schönberg, der mit elementar ausbrechendem Enthusiasmus begrüßt wurde.
Location: Staatsbibliothek zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz
Collection: Sammlung Steininger
File: 1924 10 18 Deutsche Allgemeine Zeitung
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