Arnold Schönberg Center Library

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Group: Press ClippingsMediatype: article
Author: Decsey, Ernst
Title: Das Musikleben der Gegenwart. Oper. [Wien: Hauptereignis war die Aufführung...]
Journal: Die Musik
Volume: 17
Number: 3
Pages: 224-225
Publishing date: 1924.12
Keywords: First performances; Schönberg Arnold. Die glückliche Hand op. 18; Volksoper Wien; Stiedry Fritz
Event: 1924.10.14 Wien. Volksoper
Transcription: Das Musikleben der Gegenwart
Oper

[…]

Wien: Hauptereignis war die Aufführung von Arnold Schönbergs Drama mit Musik »Die glückliche Hand« in der Volksoper. Das Drama, dessen Dichter Schönberg selbst ist, zeigt kurzgefaßt: die Tragik des rückfälligen Erotikers. Des Mannes kosmisch eingestellte Seele, seine schöpferische Macht bricht sich immer wieder in der Berührung mit dem Weibe: Eva, der Herrin über die Tierheit der Sinne. Leider ist dieses Urproblem nur skizzenhaft ausgeführt, mehr in Andeutungen als in eindrucksvoll-erschütternden, weil entwickelten Szenen. Der Dichter wird ein Opfer seiner Verdichtung- und Verkürzungsmanie, der auftretende Mann stammelt nur einige Worte, die übrigen Personen sind stumm und man könnte die Schwäche des Gedichts paradox darauf zurückführen, daß hier ausnahmsweise ein Künstler zu viel »bildete«, zu wenig »redete«... Das Starke der Absicht wird durch die Musik und ihre pointillistische Bravour verstärkt. Der Schönberg-Ton, an Stellen von »Pelleas und Melisande« erst flüchtig angedeutet, ist hier bewußt entwickelt und macht die »Glückliche Hand« zu einer der wagnerfernsten Partituren der Gegenwart. Sofern der Pointillismus nicht aus dem Debussysmus, stammt er aus Arnold Schönberg selbst; je öfter ich mich damit befaßte, desto gemußter und gekonnter erschien mir diese Musik, die vielleicht ein Abweg, immerhin ein Weg ist: besser schreiten als hocken. Was vielen von uns als seelenlose Zusammensetzung erscheint, erscheint folgenden Hörergeschlechtern vielleicht als Komposition; was wir vermissen, werden jene entdecken: Wärme, Gefühl und – Musik. Die »Glückliche Hand« läßt sich sehr gut verstehen und schätzen: kein Werk der Erfüllung, aber eins der Verheißung. Vielleicht hat der Wurm ein Herz... Fritz Stiedry ließ sich von keinem Vielleicht hemmen, sondern dirigierte die Partitur als Verliebter. Ausgezeichnet die nur tonanschlagenden, nicht aushaltenden, zischelnden Sprechchöre mit ihrer unheimlich beklemmenden Wirkung. Die mitspielenden Farben und Farbwechsel blieben leider in der Absicht stecken. Sonst zeigte die Ausstattung hohe Kosten und guten Willen, besonders in der raumlosen Wesenheit der beiden Rahmenszenen: aus dem Dunkel blicken zwölf grünleuchtende, perlmutteräugige Gesichter den auf dem Boden liegenden Mann an, in dessen Nacken sich ein Fabeltier, eine Fledermaushyäne, verbissen hat. Die Aufführung, die Gegner und Enthusiasten schuf, bildete eine Sensation. Die folgenden Aufführungen dirigierte Schönberg selbst. Das Ganze, das etwas über 20 Minuten dauert, sagte aber dem Populus nichts. Die Volksoper kam nicht auf ihre Kosten, und ihre ohnedies schwierige Lage wurde durch die »Glückliche Hand« schwieriger, bis das Finale eintrat: die Dekorationen gepfändet und die weiteren Aufführungen unmöglich gemacht wurden.
Während die musikalische Welt bei der Uraufführung von »Intermezzo« in Dresden versammelt war, führte die Wiener Staatsoper als Ersatz für mangelnde Novitäten das Spektakelstück vom Sturz des Direktors auf. Ursache des Sturzes sind weder Strauß, der reizbare Künstler, noch Schalk, der Arbeiter des Theaters, sondern ist das Kondominium, das auf dem Papier sehr schön und wohlgeordnet aussieht, an den Takt, die Einstellungsfähigkeit zweier Menschen, auf das Einander-Verstehen- und Nachsehen-Können die größten Anforderungen stellt. Hoffentlich ist der Bruch, wenn der erste Zorn verraucht ist, wieder leimbar: im Interesse der Staatsoper höchst wünschenswert.
Location: Arnold Schönberg Center, Wien. Archive
Collection: Arnold Schönberg Estate
Call number: Clippings 1924; P10
File: 1924 12 Die Musik
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